Einsamkeit

Einsamkeit ist ein vergleichsweise neues Konzept in der psychologischen Forschung. Die ersten Untersuchungen gab es erst 1978 mit der sogenannten Loneliness Scale, das versucht, die subjektiv empfundene Einsamkeit und soziale Isolation zu messen. Menschen haben sich schon immer einsam gefühlt, aber es ist ein schwieriges Untersuchungsthema. Für jeden Menschen bedeutet Einsamkeit etwas anderes. Manche fühlen sich einsam, wenn sie die Nacht alleine verbringen, andere können Monate mit nur geringer sozialer Interaktion verbringen und keine Einsamkeit verspüren. Wieder andere können sich regelmäßig unter Leute begeben und sich dennoch einsam fühlen. Trotz dieser Unterschiede, will sich niemand freiwillig für längere Zeit einsam fühlen oder gar mit ansehen, wie Einsamkeit in Medien teilweise romantisiert wird.
In der Tat gibt es viele dauerhafte Schäden, die längerfristige Einsamkeit mit sich bringt. Darunter fallen Depression, Entzündungen, kognitive Schäden, ein erhöhtes Suizidrisiko und vieles mehr. Einsamkeit kann die Hölle sein - David Levithan beschreibt es in Every Day ganz gut: “Es wäre zu einfach zu sagen, dass ich mich unsichtbar fühle, ich fühle mich schmerzhaft sichtbar und komplett ignoriert.” Die meisten von uns haben sich schonmal einsam gefühlt, isoliert, so als würde die ganze Welt uns nicht verstehen oder hören können. Gerade während einer weltweiten Pandemie und der damit folgenden sozialen Isolation vieler, fühlen sich mehr Menschen einsam. Besonders betroffen sind Senioren und Menschen mit psychischen Krankheiten, aber es beschränkt sich nicht ausschließlich auf sie. Auch die junge Generation, die Millennials, ist stark betroffen. Einer Umfrage zufolge, beschreiben sich 30% der Millennials als einsam und 22% sagen, dass sie keine Freunde haben. Einige der kreativsten und charismatischsten Menschen sind einsam. Das haben unter anderem Studien von Sharon H. Kim und ihrem Team gezeigt. Das Interessante an den Ergebnissen dieser Studie ist, dass die soziale Ablehnung keine Notwendigkeit zu haben scheint, die Kreativen mussten sich lediglich abgelehnt fühlen. Laut den ForscherInnen beschreibt Kreativität die Fähigkeit, einzigartige Verbindungen herzustellen um unterschiedliche Informationen zu verbinden, aber es sind meistens genau die Abgelehnten, die dies am besten zeigen könnten. In der Kunst finden wir viele Menschen, die sich einsam gefühlt haben: Vincent Van Gogh, Pablo Picasso und selbst Andy Warhol, der sich regelmäßig in einer glitzernden Menschenmenge aufgehalten hat, haben oft über ihre Einsamkeit geschrieben und sie in ihren Werken gezeigt.

Es gab auch Versuche, Einsamkeit wirtschaftlich auszunutzen wie bspw. Love Hotels in Japan, die man mittlerweile auch in Europa finden kann. Aber auch Tinder, Smartphones, Streaming Plattformen und Social Media bedienen sich der Einsamkeit und geben uns einen Anschein an Verbundenheit. Der Gedanke, dass wir zu jeder Zeit verbunden sein können und mit Menschen auf der ganzen Welt interagieren können, steht da im Vordergrund. Aber es sind genau diese Dinge, die uns daran hindern können, echte Verbindungen mit Menschen aufzubauen. Soziale Medien tragen maßgeblich dazu bei, wie wir Glückseligkeit definieren. Seit ihrer Einführung stehen immer mehr die Höhepunkte eines Menschen im Fokus. Negativen Gefühlen wie Traurigkeit oder Einsamkeit werden weniger Beachtung geschenkt. Nach außen hin unglücklich zu erscheinen, ist einfach nicht “attraktiv”. So, als ob wir nicht hart genug an uns gearbeitet hätten oder ausreichend an uns glauben würden. Jeder Moment muss perfekt sein: das Urlaubsfoto, die Leistung, selbst während der Quarantäne muss man sich ein neues Hobby zulegen und es zeigen. Die Höhepunkte eines Menschen bekommen mehr Beachtung, während über seine Tiefpunkte zu reden mit Scham konnotiert ist. Es ist ein Teufelskreis, der zu vermehrter Verschreibung Antidepressiva, mehr Selbsthilfebüchern und auch Therapieformen führt, die uns dabei helfen, aus unserem negativen Mindset herauszukommen, sodass wir wieder mehr Höhepunkte erleben können. Zudem kommt noch hinzu, dass Höhepunkte flüchtig sind und wir nach jedem Höhepunkt schon den Nächsten in Angriff nehmen. Wenn wir bspw. von einem Ort zum nächsten reisen und ständig Fotos von den Orten oder den Restaurants machen, an denen wir uns befinden, dann kann eine existentielle Leere entstehen. Wir konkurrieren mit anderen um Glückseligkeit auf Kosten von realen Beziehungen und laufen Gefahr, zu entfremden. Wir müssen lernen, uns wieder mit Höhe- und Tiefpunkten zu beschäftigen.

Paradoxerweise kann Einsamkeit aber dennoch nützlich sein. Sie kann uns zu besseren Beobachtern unserer Umwelt machen. Wir können Dinge besser wahrnehmen, hinterfragen und so ein besseres Verständnis entwickeln. Sie kann uns dabei helfen, in uns hineinzuschauen und zu erkennen, wer wir sind und wonach wir uns sehnen. Wir könnten uns selbst und andere besser verstehen. Nicht alle finden aber zurück aus der Einsamkeit und so bleibt es ein Balance-Akt mit einem hohen Risiko, aber auch einer hohen Belohnung. Natürlich führt Einsamkeit nicht unweigerlich zu einer neuen, “besseren” Persönlichkeit, aber es gibt durchaus Vorteile, wie eine Studie von Stephanie Cacioppo aus dem Jahr 2015 zeigt. In dieser Studie berichteten die Teilnehmer von einer höheren Aufmerksamkeit und einer besseren Beobachtungsgabe ihrer sozialen Umwelt. Dazu wurden ihnen bedrohliche Stimuli gezeigt während ihre Hirnaktivität gemessen wurde. Teilnehmer, die sich als einsam beschrieben, reagierten schneller auf die bedrohlichen Stimuli als Teilnehmer aus der Kontrollgruppe. Psychologen nennen diesen Zustand Hypervigilanz gegenüber sozialer Gefahren. In diesem Zustand, in den man unbewusst eindringt, tendiert man dazu, die Welt „negativ“ wahrzunehmen. Wir erinnern uns vermehrt an negative Erfahrungen und erwarten sie auch wenn wir in diesem Zustand sind. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, bei dem die einsame Person noch isolierter, misstrauischer und zurückgezogener ist. In einer ähnlichen Studie schrieben sie, dass einsame Teilnehmer schneller auf das Leid anderer reagieren können und somit eine höhere Kapazität an Emphatie aufweisen. Ironischerweise scheinen einsame Menschen andere Menschen besser verstehen zu können, obwohl sie sich sozial isoliert fühlen. Woran liegt es also, dass sich diese Menschen einsam fühlen, auch wenn sie andere Menschen möglicherweise sogar besser verstehen können? Die Antwort auf diese Frage ist wohl für jeden Einzelnen anders. Vielleicht reagieren sie auf den täglichen Stress mit Rückzug. Vielleicht leiden sie an einer Depression, einer Angststörung oder einer anderen Krankheit. Vielleicht haben sie aber auch schlechte soziale Fähigkeiten. Vielleicht sind das aber auch nicht die Ursachen ihrer Einsamkeit, sondern die Folge.

Aus evolutionärer Sicht ist Einsamkeit eine wichtige Erfahrung für das Überleben. Wir müssen uns mit uns selbst im Reinen sein und auch in einer sozialen Gruppe funktionieren können. Nach einiger Zeit in Einsamkeit entwickeln wir einen Zugehörigkeits-Drang, wir wollen uns wieder mit anderen verbinden und so der Einsamkeit entkommen. Es scheint so, als habe Einsamkeit genau das zum Ziel: Dass wir uns wieder sozial binden. Ähnlich wie Schmerz ein Zustand ist, der uns dazu motiviert, die Umstände zu ändern. Wir sind soziale Wesen und aus evolutionärer Sicht ist, oder war, es für uns gefährlich, sozial isoliert zu sein. Das würde erklären wieso wir Hypervigilanz gegenüber Bedrohungen entwickeln, sobald wir uns einsam fühlen und wieso wir wieder zu einer Gruppe finden wollen. Aber es erklärt nicht, wieso wir uns überhaupt erst in Isolation begeben oder gar darin bleiben.

Einsamkeit macht uns zu dem Menschen, der wir sind. Das Selbst verschwindet wenn wir es aufteilen und auf die täglichen Aufgaben verteilen. Es ist also ein Selbsterhaltungstrieb zwischen Bekanntschaften, Stressoren auf der Arbeit oder jeglichen Situationen in denen wir zwar nicht alleine sind, uns aber so fühlen. Wir brauchen ab und zu Zeit für uns, unseres Selbst wegen. Ohne Einsamkeit wären wir schlechter darin, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu verstehen. Wir wären schlechter darin, uns selbst zu verstehen.

Wie können wir denn nun helfen wenn wir selbst oder andere nicht mehr aus ihrer Einsamkeit herauskommen? Die Antwort darauf ist genau die gleiche wie oben: Es ist für jeden Menschen unterschiedlich. Es ist leicht anzunehmen, dass wir lediglich Zeit mit anderen verbringen sollen oder Aufmerksamkeit brauchen, aber oftmals hilft es nicht. Wenn bspw. eine Depression die Ursache von Einsamkeit ist, kann sich die Person in einer Gruppe von Freunden befinden und sich dennoch einsam fühlen. Es kann zum Teufelskreis kommen. Einsamkeit kann psychische Probleme erzeugen, die wiederum zu mehr Einsamkeit führen und die führen wieder zu größeren psychischen Problemen. Die Einsamkeit breitet sich aus, wächst um uns herum und sobald sie uns verschlungen hat, ist es sehr schwer wieder herauszukommen. Wir müssen gegen den natürlichen Instinkt ankämpfen, uns isolieren zu wollen. Wir können mit jemandem darüber reden, auch wenn es schwer fällt. Wir können uns dazu zwingen, mit anderen in einer Gruppe zu sein, indem wir uns für einen Kunstkurs anmelden oder einen Sport betreiben. Wir können ehrenamtliche Arbeiten machen oder anderen Menschen helfen, um unseren Kopf freizukriegen und optimistischer zu sein. Wie mit allen Gefühlen verschlimmert sich Einsamkeit durch Widerstand. Wir fürchten uns davor, noch mehr Schmerzen zu haben wenn wir uns öffnen. Aber meistens tritt genau das Gegenteil ein, wir fühlen uns befreiter. Gerade mit den sozialen Medien erfahren wir immer weniger menschlichen Kontakt, auch wenn es den gegenteiligen Anschein erweckt. Wir brauchen reale Verbindungen, keine Virtuellen. Das Beste, was wir also machen können, ist es, für andere da zu sein und ihnen zu helfen. Sei es durch Zuhören, Reden oder einfach nur da zu sein. Manchmal sind selbst die kleinsten Dinge wie Augenkontakt, Lachen oder eine Umarmung die besten Werkzeuge gegen Einsamkeit.