Freundschaft
Toxische Freundschaften
Erinnert ihr euch an einen Moment, in dem ihr euch wirklich verstanden gefühlt habt? An einen Moment, in dem ihr einfach Euch selbst sein konntet, der anderen Person vertraut habt und eure beste Seite zeigen konntet? Ihr habt euch gegenseitig zugehört, euch unterstützt, über für euch wichtige Themen gesprochen und das ganz ohne Anstrengung. Ihr habt euch zutiefst zufrieden gefühlt, nicht nur von jemandem verstanden, sondern auch wertgeschätzt zu werden von einer Person, die ihr ebenso hoch schätzt. Das ist die Magie von Freundschaften: Sie bestärkt uns, definiert unsere Identität und gibt uns eine Richtung im Leben. Zahlreiche Studien haben bereits die positiven Effekte von Freundschaften untersucht und gezeigt, dass sie unser Immunsystem stärken, gegen Demenz helfen und auch unsere Sterblichkeit positiv beeinflusst. Wenn ihr also das nächste mal irgendwo hört, dass jemand nicht ohne Freunde leben könne, ist da auch etwas Wahres dran.
Aber wie alle menschlichen Beziehungen können selbst unsere tiefsten und nahrhaftesten Freundschaften Spannungen und Konflikte beinhalten. Sie können ihre Magie verlieren und eventuell nie wieder zurückbekommen. Das kann schnell passieren, langsam, aus gutem Grund oder manchmal sogar aus keinem Grund. Freundschaften sind wesentlich komplexer als sie oft dargestellt werden.
Lediglich die Hälfte aller Freundchaften sind reziprokal, werden also erwidert. Dennoch nehmen wir aber fälschlicherweise an, dass fast all unsere Freundchaften reziprokal sind. Eine mögliche Erklärung dafür könnte sein, dass wir wählerisch sind in unseren Freunden. Als Teenager wollen wir mit den beliebten Kindern befreundet sein, aber beliebte Kinder können sich ihre Freunde aussuchen. In einem Journal erklärt Scott L. Feld, wieso unsere Freunde, im Durchschnitt, mehr Freunde als wir haben. Das Anstreben eines höheren sozialen Statuses macht also offenbar auch in Freundschaften keinen Halt.
Unter ambivalenten Freundschaften verstehen wir in der Psychologie Freundschaften, die sowohl positive als auch negative Gefühle in uns auslösen. Sie sind charakterisiert durch eine wechselseitige Abhängigkeit, einer hohen Kontaktdichte und Konflikt. Von dieser Art von Freundschaft haben wir viele, es sind meistens Arbeitskollegen, Konkurrenten oder Familienangehörige bei denen wir uns erst überlegen müssen, ob wir ans Handy gehen wenn sie anrufen.
Auch treue, vertrauenswürdige und durchweg interessante Freunde können schlecht für uns sein, wenn sie weniger begehrenswerte Qualitäten aufweisen. Depressive Freunde können uns depressiv machen, übergewichtige Freunde können uns übergewichtig machen, rauchende Freunde können uns zu Rauchern machen und Alkohol trinkende Freunde können uns zu mehr Alkohol trinkenden Menschen machen.
In einer Studie aus dem Jahr 2003 bat Julianne Holt-Lunstad ihre Studienteilnehmer, ihren Blutdruck messen zu lassen während sie verschiedene Interaktionen mit Menschen aufgeschrieben haben. In ambivalenten Beziehungen war ihr Blutdruck höher als bei Freunden und Feinden. Als mögliche Ursache wird hier die Unberechenbarkeit dieser Beziehungen erwähnt, wodurch wir angespannter und achtsamer sind. Wird Karen Weihnachten ruinieren? Ambivalente Beziehungen können zu verschiedenen physiologischen Reaktionen führen, darunter zählen cardiovaskuläre Reaktionen, reduzierter Stresswiderstand oder ein generell schlechteres Wohlbefinden.
In der Arbeitspsychologie zeigten sich aber auch Vorteile ambivalenter Beziehungen oder anderer sogenannter “Frenemies”. In einer Studie versuchten sich Arbeitskollegen häufiger in ihre Kollegen hineinzuversetzen wenn sie in einer ambivalenten Beziehung standen. Die damit einhergehende Konkurrenz und Wachsamkeit kann auch zu mehr Produktivität führen und damit die Position innerhalb der Firma etablieren.
Dagegen gibt es dann aber auch die Freundschaften, die einfach nur schlecht oder toxisch sind. Sie können sich so äußern, dass wir das Gefühl bekommen, ständig in Konkurrenz mit anderen Freunden der toxischen Person zu stehen; wir müssen übermäßig viel Kritik einstecken, während die toxische Person jegliche Art der Kritik gleich ablehnt; wir müssen durchgängig aufpassen, was wir sagen oder tun, um nicht eine wütende oder enttäuschende Reaktion herbeizuführen; oder wir befinden uns auf einer emotionalen Achterbahn, auf der wir in einem Moment die volle Aufmerksamkeit und Komplimente von der Person bekommen und im nächsten Moment ignoriert werden. Diese Art von Beziehung ist im wahrsten Sinne toxisch. Es ist aber wichtig anzumerken, dass dies nur Beispiele sind. Jeder von uns andere Vorstellungen darüber, was für uns toxisch ist und was nicht. Hinzu kommt, dass manche Freundschaften stark genug sind, dass sie gegenüber den toxischen Eigenschaften überwiegen und wir uns deshalb dazu entscheiden, an der Freundschaft festzuhalten.
Eine Studie zeigt, dass negative Interaktionen auch zu physischen Schäden führen kann, ähnlich wie ein Gift. Einige dieser toxischen Freundschaften entstehen mit guter Absicht und werden erst hinterher toxisch. Diane Felmlee und Robert Faris zeigten, dass Cyberaggression mehr als vier mal so häufig zwischen Freunden auftritt als mit Freunden von Freunden. Freunde wissen am besten, wie man einen verletzen kann, nicht alle kennen aber auch die jeweiligen Grenzen.
Toxische Freundschaften haben aber nicht nur Nachteile, sie können sogar eine wichtige Lehrerfahrung sein. Sie kann uns dabei helfen, andere Personen besser einschätzen zu können und für uns einzustehen. Sollten die oben beschriebenen Beispiele für euch jedoch vertraut klingen, könnte es sinnvoll sein, dies anzusprechen und abzuwägen, ob die Freundschaft so aufrechterhalten werden kann oder nicht. Im Endeffekt müsst ihr aber auf eure innere Stimme hören.
Eine interessante Idee bezüglich Freundschaften kommt vom Evolutionsbiologen Robert Trivers. In einem Paper schreibt er, dass jeder Mensch sowohl altruistische, als auch betrügerische Tendenzen hat. Betrügerische Tendenzen bedeuten hier, dass man etwas weniger gibt oder mehr nimmt als ein Freund uns gibt oder von uns nimmt. Trivers schreibt, dass wir uns zu subtilen Betrügern entwickelt haben und Methoden entwickelt haben, mit denen wir sowohl größere Betrüger regulieren können als auch zu viel Altruismus. Größere Betrüger geben nichts und bekommen viel, wodurch der Altruist nur gibt und sich vom Betrüger trennt. Die Selektion bevorzugt demnach also den Altruisten und benachteiligt den Betrüger durch Diskrimination. Subtile Betrüger hingegen, geben etwas, aber bekommen mehr wenn die Rollen ausgetauscht wären. Die Belohnung “jemanden zu mögen” spielt in diesem Regulationsprozess ebenfalls eine Rolle, Altruisten werden demnach bevorzugt. Die Frage ist aber nicht, ob wir Betrüger oder Altruisten sind, sondern in welchen Verhältnis und in welcher Beziehung wir jeweils so handeln. Es ist eine Waage, im Durchschnitt sind wir 50% Altruist und 50% Betrüger. Erinnert ihr euch noch an die Studie oben in der erwähnt wird, dass nur knapp die Hälfte unserer Beziehungen reziprokal sind? Als Menschen haben wir uns derart entwickelt, dass wir durchaus einige Betrügereien bei Freunden sehen können, aber es ist nicht genug um Freundschaften für uns ein für alle mal abzuschreiben. Wenn sich diese Theorie für euch wie Wirtschaftsspiel vorkommt, dann stimmt euch der Autor zu. Es ist aber eine mögliche Erklärung wieso sich unser Gehirn während der Evolution derart in seiner Plastizität entwickelt hat.
Etwa 68% von uns geben an, schonmal von einem Freund Betrogen worden zu sein. Aber wer betrügt denn genau? Könnten wir es sein? Der Grund, wieso wir mit jemandem eine freundschaftliche Beziehung beibehalten oder nicht, ist uns selbst oft nicht bewusst. Gibt es bei Euch keine Leute, die Ihr mögt, aber mit denen Ihr dennoch lange nicht gesprochen habt? Oder auch Leute, mit denen Ihr euch nicht verbunden fühlt, aber mit denen Ihr dennoch regelmäßig redet? Wenn eine Freundschaft ohne Grund zerbricht, kann das herzzerreißend sein. Wir gehen oft davon aus, dass Freundschaften ewig halten. Wenn sie zerbrechen, stellen sie uns und wie wir uns definieren auf die Probe, besonders wenn es langjährige Freundschaften sind. Aber manchmal müssen wir uns von einem Freund trennen, um zu wachsen. In ihrem Buch Connecting in College argumentiert Janice McCabe, dass das Beenden von Freundschaften im jungen Erwachsenenalter ein Weg ist, um unsere Identität zu finden. Sowohl unser Selbstbild als auch unsere Persönlichkeit spiegeln auch immer unsere Freundschaften wider, sowohl positiv als auch negativ. Wenn wir als Person wachsen, können sich auch unsere Sichtweisen und damit auch unsere Prioritäten und Anforderungen an unsere Freundschaften ändern.
Wir wollen alle gute Freunde sein, aber manche Faktoren stehen nicht in unserer Kontrolle. Durch soziale Medien gibt es immer mehr Verknüpfungen, unsere Freunde können auch untereinander befreundet sein. Das kann zu Problemen führen. Wenn bspw. jemand innerhalb eines Freundeskreises eine Grenze überschreitet, man selbst aber nicht die ganze Gruppe stören möchte oder riskieren will, ausgeschlossen zu werden, verkündet man vielleicht nicht, dass man jemanden nicht mehr als Freund sieht. Man meidet gegebenenfalls eine Person, aber nicht so offensichtlich, dass es zu einer Konfrontation kommt und sich die Gruppe demnächst entscheiden muss, wen von beiden sie denn einlädt. Manchmal sitzen wir mit schlechten Freunden fest.
“Das erste Gesetz der Freundschaft lautet, dass sie gepflegt werden muss. Das zweite lautet: Sei nachsichtig, wenn das erste verletzt wird.” - Voltaire
1984 veröffentlichte der Psychologe Robert B. Hays die Ergebnisse seiner Langzeitstudie The Development and Maintenance of Friendship. Er untersuchte, wie sich Freundschaften entwickeln und was dabei hilft, eine tiefe Freundschaft aufzubauen. Einige Punkte hören sich offensichtlich an: regelmäßiger Kontakt, Loyalität, Gleichberechtigung. Andere Punkte sind hingegen etwas subtiler. Beispielsweise kann es helfen, ein Fan zu sein. Freunde feiern ihre Errungenschaften und lassen den jeweils anderen wissen, wie sehr sie wertgeschätzt werden. Sie bewundern sich gegenseitig und ermutigen sich gegenseitig zum Wachstum. Sie feuern sich gegenseitig an. Ein anderer Punkt ist die Goldene Regel: Behandle andere so wie du auch selbst behandelt werden möchtest. Gute Freunde sind aufmerksam, helfen sich bei Problemen und akzeptieren sich.
Freundschaften sind kompliziert. Mit schlechten Freunden umzugehen, sich von Freunden zu trennen oder auch Freundschaften zu pflegen, können sehr anstrengend sein. Aber keine Freunde zu haben, ist für uns schlimmer. Stellt euch ein Kind vor, das verzweifelt nach einem Spielpartner sucht; einen Teenager, der sehnsüchtig nach jemanden sucht, der ihn richtig versteht; oder einen Erwachsenen, dem bewusst wird, dass es niemanden in seinem Leben gibt, mit dem er seine Beförderung feiern oder eine Trennung verarbeiten kann. Einsamkeit kann sehr schmerzhaft sein, ähnlich wie Hunger oder Durst. Aber wenn man Probleme bei Freundschaften hat, hat man Freunde – und kann sich damit glücklich schätzen.