Gaslighting
Gaslighting
“Als Gaslighting wird in der Psychologie eine Form von psychischer Gewalt bzw. Missbrauch bezeichnet, mit der Opfer gezielt desorientiert, manipuliert und zutiefst verunsichert werden und ihr Realitäts- und Selbstbewusstsein allmählich deformiert bzw. zerstört wird.” Diese aus Wikipedia stammende Definition habe ich zum Vote hinzugefügt und mit der werden wir hier auch weiterarbeiten. In diesem Eintrag will ich darauf eingehen, was Gaslighting genau ist; was es bei den Opfern anrichtet; wie es zustande kommt; welche Warnzeichen es gibt; wie man einen Gaslighter erkennt und wie man sich vor Gaslighting schützen kann.
Was ist Gaslighting?
Der Begriff Gaslighting entstand vermutlich durch den 1944 erschienen Film Gas Light. Im Film versucht ein Mann alle davon zu überzeugen, dass seine Ehefrau verrückt ist. Er manipuliert, lügt und besteht darauf, dass seine Frau desillusioniert ist. Er dimmt unter anderem die “gas lights” und leugnet, dass sich etwas an den Lichtverhältnissen geändert habe als seine Frau dies wahrnahm. Sie bilde sich das alles ein und sie sei es gewesen, die Dinge weggestellt hat. Und da sind schon einige wichtige Punkte drin. Es geht um Manipulation, Desorientierung, Vertrauen und das Anzweifeln der eigenen Wahrnehmung und damit auch der eigenen Gesundheit.
Was richtet Gaslighting mit den Opfern an?
Gaslighting führt dazu, dass die Opfer ihre Wahrnehmung anzweifeln, ihre Gefühle und auch ihr Gedächtnis. Wenn man anfängt, seine Wahrnemung, Gedanken, Motive und Gefühle in Frage zu stellen, dann wird ein Teil der Persönlichkeit zerstört. Ihre Realität wird in Frage gestellt und damit auch ihre Gesundheit. Das Ziel der Täter ist, dass sich die Person der Realität entfernt und somit nicht mehr in der Lage ist, bestimmte Prozesse um sie herum angemessen zu verstehen. Besonders bei Kindern kann dies zu massiven Schäden führen, da sich ihr Gehirn noch entwickelt und sie auf eine Pflegeperson angewiesen sind. Anstatt die Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten und eine Richtung vorzugeben, versuchen einige Eltern Kontrolle über ihre Kinder auszuüben. Diese Art der Erziehung wird zurecht authoritär genannt, weil man die Grenzen eines Kindes verletzt und die Bedürfnisse vernachlässigt. Den Kindern ist es nicht erlaubt, bestimmte Emotionen zu haben, wie beispielsweise Wut gegenüber ihren Eltern. Um dies durchzusetzen, werden die Aussagen der Kinder herabgewertet: “Du meinst es doch nicht so”, “das tut doch nicht so weh”, “du lügst”, “das hast du dir nur eingebildet”. Mögliche Folgen sind, dass das Kind in seiner Fähigkeit, rational zu denken, beeinträchtigt ist oder dass es gar die Verbindung zur Realität verliert. Dadurch wird es auch im Erwachsenenalter anfälliger für Gaslighting.
Gaslighting ist eine Form der Manipulation und dadurch auch im Erwachsenenalter gefährlich. Sie wird besonders häufig von Personen angewendet, die narzistische, soziopathische oder psychopathologische Tendenzen haben. Die Täter folgen hier klaren Motiven und es kümmert sie nicht, dass andere dabei verletzt werden. Besonders in romantischen Beziehungen versuchen sie Gefühle, Gedanken, die Handlung und alles andere, was mit dem Opfer zu tun hat, zu kontrollieren. Dazu bedienen sie sich einer Reihe von Methoden:
1. Sie lügen – und zwar viel. Oft sind es ganz offensichtliche Lügen, die man einfach nachschauen kann. Es geht hier nämlich nicht um die Lüge an sich, sondern darum, das sich das Opfer unwohl fühlt. Dabei ist zu beachten, dass die Lügen nach und nach zunehmen. Wenn jemand gleich von vornherein lügt, dann ist es einfacher, dies zu durchschauen. Aber wenn man bereits einen gewissen Realitätsverlust durchlebt hat, glaubt man auch mehr Lügen.
2. Fakten leugnen Selbst wenn das Opfer weiß, dass der Täter eine Lüge erzählt hat, sobald sie diese Lüge anspricht, wird sie geleugnet. Man würde sowas nie sagen oder man habe sich verhört. Die Täter leugnen teilweise wissenschaftliche Fakten und behaupten sowas wie “Die Wissenschaftler haben ihre eigene Agenda” oder “Die Wissenschaftler ändern doch ständig ihre Meinung. Die können sowas gar nicht wissen!”. Sie können aber auch einzelne Studien raussuchen, die mit ihrer Meinung einhergehen. Das Opfer fängt an, sich unwohl zu fühlen und seine eigene Wahrnehmung in Frage zu stellen. Je öfter man da an sich zweifelt, desto eher glaubt man dem Täter.
3. Es steigert sich Keiner von uns ist immun gegen Gaslighting. Unter den richtigen Umständen können wir alle Opfer von Manipulation, Missbrauch oder einer Hirnwäsche werden. Meistens fängt es nämlich klein an und steigert sich mit der Zeit. Man merkt quasi nicht, was um einen rum passiert. Irgendwann können die Täter auch Freunde und ihnen einreden, dass das Opfer verrückt ist oder dass es schlecht über die Freunde geredet hat. Das Ziel der Täter ist es, das Opfer zu isolieren sodass es keine Unterstützung bekommt. So wächst zum einen der Realitätsverlust, zum anderen wird das Opfer aber auch abhängig vom Täter und sieht keinen Ausweg.
4. Taten sprechen mehr als Worte Gerade da die Täter oft lügen, muss man auf ihr Verhalten achten statt auf die Worte. Sie lügen mit einem Selbstvertrauen, das rationale Menschen nicht besitzen. Wir sind uns über unsere Erinnerungen nie 100% sicher, aber wenn sich unser Gegenüber derart sicher ist, dass etwas so passiert ist, dann glauben wir es eher. Daher ist es wichtig darauf zu achten, was die Person tut statt darauf, was sie sagt.
5. Verwirrung Für die Täter ist es wichtig, dass die Opfer das Gefühl haben, Stabilität und Normalität zu haben. Aus diesem Grund geben die Täter hin und wieder durchaus Komplimente. Ziel ist es, dass das Opfer dem Täter vertraut und sich zum Täter aufsieht. Gaslighter nutzen die Intimität aus, die sie erzeugen.
6. Isolation Täter wollen, dass sich die Opfer isoliert fühlen. Sie werden oftmals Bekannte oder Freunde erwähnen, die dem Täter zustimmen würden. Auch wenn dies nicht der Fall ist. Das Opfer soll sich unbewusst darüber sein, wem es glauben kann und wem nicht. Es soll sich isoliert fühlen. Isolation bedeutet Kontrolle.
7. Einschüchterung Täter brauchen eine gewisse Machtposition. Wenn sie sie nicht durch Abhängigkeit oder ihrer Rolle bekommen, dann nutzen sie häufig eine Einschüchterung. Dabei können die Kinder ins Spiel kommen, die Freunde, Familie, quasi alles, was dem Opfer wichtig ist. “Deine Freunde glauben dir nicht. Sie wissen wie verrückt du bist.” “Deine Familie kann dich ohnehin nicht leiden. Wen hast du da außer mich?” “Du wirst sie alle verlieren wenn du das erzählst.” Mit dieser Methode versucht der Täter, das Opfer gefügiger zu machen und weiterhin abhängig zu sein.
8. Diffamation Eines der wohl wichtigsten Tricks eines Gaslighters. Sie erzählen anderen Menschen, dass das Opfer verrückt ist und andere abwertende Dinge. Wenn das Opfer also irgendwann die Möglichkeit ergreift und mit anderen offen darüber sprechen will, werden sie dem Opfer eventuell nicht glauben. Gleichzeitig sagen sie aber auch dem Opfer, dass alle anderen sie anlügen. Die Familie, die Medien, Freunde. Hier spielt Vertrauen eine große Rolle. Sie vertrauen darauf, dass der Täter die “wahre” Information hat, die sie wollen. Dadurch werden sie abhängig.
Dies sind Beispiele dafür wie Gaslighting in einer romantischen Beziehung aussehen kann, aber wie sieht es in anderen Gebieten aus? Auf der Arbeit oder in der Schule kann man Gaslighting in Form von Klatsch und Gerüchten erleben, dabei werden die Seiten häufig klar abgegrenzt. Ähnlich wie die Sith (Verzeihung an alle Nicht-“Star Wars”-Fans) wird hier in Absoluten gedacht: Es gibt die Guten und es gibt die Schlechten in der Geschichte. Propaganda wie in der NS-Zeit oder in Nordkorea sind Beispiele dafür, welche Dimensionen es annehmen kann. Während die Nazis unzählige Juden in ihre Konzentrationslager brachten und umbrachten, haben sie auch dafür geworben. In Ihren Werbungen zeigten sie glücklich spielende Kinder oder ein gemeinsames Picknick. Viele Anhänger und andere Nationen haben eher dieser Propaganda-Werbung geglaubt, statt der grauenhaften Realität. Die Konzentrationslager sollten in einem positiven Licht stehen und die Juden entfremdet werden. Das Spielen mit der Wahrheit ist schon lange eine Methode von Diktatoren, mittlerweile findet sie sich aber auch in demokratischeren Ländern. Dort wird sie meistens subtiler eingesetzt um politische Kontrolle auszuüben. Dass Donald Trump versucht, die Wahrheit so zu drehen wie es ihm gerade passt, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Er sagt und tut Dinge, die er im nachhinein leugnet. Er gibt anderen die Schuld, gibt Übersensitivität als mögliche Begründung an oder meint, er hätte nur einen Witz gemacht. Und viele glauben ihm, sie nehmen seine verzerrte Sicht der Realität an. Hier muss man aber vorsichtig sein, wen man des Gaslightings beschuldigt und wen nicht. Wenn jemand (bewusst oder unbewusst) nur einen bestimmten Aspekt der Realität leugnet, dann ist es noch kein Gaslighting. Eine fälschliche Beschuldigung wäre aber eine Projektion und damit Gaslighting. Auch in Kulten sieht man oft diverse Techniken, die auf Gaslighting hindeuten. Um die Anhänger gefügig zu machen, müssen sie ihre eigentliche Welt anzweifeln und die des Kults annehmen. Dass diese Welt auch ganz absurd und für andere nicht nachvollziehbar sein kann, zeigen uns Beispiele wie Scientology.

Wie erkennt man einen Gaslighter? Was sind die Warnzeichen?
Falsche Entschuldigungen Entschuldigungen bedeuten immer auch ein Zugeständnis von Schuld und Wertschätzung der anderen Person gegenüber. Das ist die entgegengesetzte Wirkung von dem, was ein Gaslighter erzielen will. Sie entschuldigen sich nur wenn sie auf etwas bestimmtes aus sind, also wenn sie etwas bekommen möchten. Die “Entschuldigungen” klingen dabei oft wie Entschuldigungen, ohne welche zu sein. “Es tut mir leid, dass du dich so fühlst.” ist keine Entschuldigung, weil sie kein Schuldzugeständnis hat. Es bleibt offen, dass die Person selbst Schuld ist.
Freunde trennen Klatsch, Tratsch, Gerüchte. Gaslighter versuchen oft, Freunde gegeneinander aufzuzetteln. Sie bringen Gerüchte in Umlauf, jemand habe etwas schlechtes über jemanden gesagt oder eine abfällige Bemerkung gemacht. Oft sind es Lügen bei denen im Nachhinein niemand zurückverfolgen kann, woher die Gerüchte stammen oder wie es sich entwickelt hat. Solange die Gerüchte ihren Lauf nehmen, halten sich die Täter aber zurück und beobachten das Geschehen, das sie ausgelöst haben. Wenn sich Freundschaften aufbrechen, ist es für die Täter leichter, Leute zu isolieren und zu manipulieren.
Schmeicheln Gaslighter sind darauf angewiesen, dass das Opfer ihnen zumindest zum Teil vertraut. Sie brauchen also eine Beziehung. Dies erreichen sie mit vielen Schmeicheleien und Aufmerksamkeit, die sie den Opfern geben. Zumindest solange, bis sie bekommen, was sie wollen. Die Aufmerksamkeit hört dann abrupt auf, bis sie wieder etwas wollen. Es entstehen also Phasen mit viel und wenig Aufmerksamkeit, was dem Täter letzten Endes auch dabei hilft, die Realitätswahrnehmung des Opfers zu verzerren.
Verzerrte Welt Gaslighter brauchen ihre verzerrte Welt. Daher greifen sie jeden an, der eine andere Sichtweise hat und auch ihre Quellen.
Wieso bleiben die Opfer in der Beziehung?
Die meisten Menschen haben das Bedürfnis, sich selbst als vernünftig, sittlich und intelligent anzusehen. Deshalb führen Informationen, die uns in irgendeiner Weise als irrational, unmoralisch oder einfältig erscheinen lassen, zu heftigem Unbehagen. Wenn es einen Unterschied zwischen unserer Handlung und unserer Einstellung gibt, dann löst es in uns ein Unwohlsein aus. Dies bezeichnen wir in der Psychologie als Kognitive Dissonanz. Als Folge ändern wir entweder unsere Einstellung oder unsere Handlung um uns wieder wohlzufühlen. Wenn wir in einer Beziehung sind und regelmäßig Missbrauch erleben, können wir eine kognitive Dissonanz erleben. Wir fühlen uns unwohl, wenn wir an die Beziehung denken, sind aber nicht in der Lage, uns zu trennen. Was dann passieren kann, ist, dass wir stattdessen unbewusst unsere Sichtweise ändern. Wir sehen der Beziehung positiver entgegen, um die erfahrene Dissonanz zu reduzieren. Der Missbrauch hört aber nicht auf, wir sehen die Beziehung nur in einem positiveren Licht. Gerade bei narzisstischem Missbrauch, bei dem wir regelmäßig herabgewertet werden, aber zu Zeiten auch viel Liebe und Aufmerksamkeit erhalten, ist die kognitive Dissonanz größer. Dieses Hin und Her zwischen übermäßiger Liebe und Hass wird als trauma bonding bezeichnet und führt dazu, dass unsere Zuneigung zum Täter nicht aufhört. Trauma bonding ist ähnlich zum Stockholm Syndrome, bei dem Opfer den Tätern gegenüber eine Sympathie entwickeln. Die Opfer werden isoliert, bedroht und flüchten teilweise nicht, auch wenn sie die Möglichkeit haben. Sowohl Trauma Bonding als auch das Stockholm Syndrom werden als Überlebenstechniken gesehen, da wir uns als Opfer den Tätern näher sehen und uns damit sicherer fühlen. Daher kann beides als möglicher Grund gesehen werden, wieso wir in Beziehungen bleiben, auch wenn wir regelmäßig Missbrauch erleben.
Was können Opfer tun?
Emotionaler Missbrauch kann bei den Opfern tiefgehende Schäden hinterlassen, die ohne professionelle Hilfe nur schwer aufzuarbeiten sind. Diese sind individuell an die Person und die jeweilige Situation angepasst. Ich werde hier also gar nicht erst anfangen, mögliche Therapievorschläge zu beschreiben und dies soll auch nicht so gedeutet werden. Stattdessen möchte ich einige generelle Tipps geben worauf man achten soll wenn man sich in einer Beziehung mit einem Gaslighter befindet. Die Tipps haben natürlich keine Garantie, aber sie werden dennoch nützlicher sein, als das Geschehene zu ignorieren und Missbrauch zu ertragen.
1. Das Geschehene erneut erleben Es ist wichtig, sich die Vergangenheit nochmal in Erinnerung zu rufen und jegliche Gaslighting-Momente zu untersuchen. Versucht die Lügen zu finden; euch an eure emotionalen Reaktionen zu erinnern, besonders in denen Ihr euch unsicher oder schuldig gefühlt habt. Täter benutzen oft die selben Techniken, studiert also die Vergangenheit um euch in der Zukunft zu schützen.
2. Bleibt bei den Fakten Täter lügen oft. Verlasst euch also nicht auf ihre Aussagen, wenn diese nicht falsifizierbar sind. Sie versuchen, dass sich die Opfer auf ihre Daten abhängig machen und wollen auf diese Weise Macht haben. Wenn es keine Möglichkeit gibt, die Aussagen zu bestätigen, dann glaubt sie nicht.
3. Übernehmt die Kontrolle Macht bedeutet Kontrolle. Diese wollen Täter unter allen Umständen beibehalten und daher versuchen sie auch, schnelle Reaktionen zu erzwingen. Nehmt euch also Zeit für eure Reaktionen und Antworten, geht weg oder lenkt ab. Nehmt euch die Zeit zur Reflexion oder um die Logik zu hinterfragen.