Mythbusting
Psychologische Mythen
Psychologische Mythen sind allgegenwärtig. Wir haben schlichtweg nicht die Zeit, uns in jeglichen Bereichen derart zu informieren, dass wir alles wissen und erklären können. Das ist, an sich, nicht schlimm. Schlimm wird es erst wenn wir diese Mythen ohne Kontext weiterverbreiten. Wenn wir (auch mit guten Absichten) versuchen, anderen zu helfen. Das schadet nicht nur die Betroffenen, es wirft auch ein schlechtes Licht auf die Psychologie und die Wissenschaft im Allgemeinen. Im Folgenden werde ich also einige psychologische Mythen beschreiben, ihren Ursprung erklären und im richtigen Kontext wiedergeben.
1. Die fünf Phasen des Trauerns
Dieses Modell wurde von Elisabeth Kübler-Ross entwickelt und beschreibt fünf Phasen, die Sterbende oder ihre Begleiter im Laufe des Prozesses durchleben. Die Phasen sind Leugnen (ein Gefühl des Nicht-Wahrhaben-Wollens, häufig mit einer Isolation einhergehend), Zorn (oftmals Wut gegenüber den Sterbenden, weil dieser einen verlässt), Verhandeln (beispielsweise zu Gott beten), Depression (meistens durch Reue oder Verzweiflung) und schließlich Akzeptanz. Die Theorie stand eine Zeit lang in vielen Sachbüchern, in Selbsthilfebüchern, sie wird regelmäßig in Fernsehserien thematisiert und daher kennen sie auch viele Menschen.
Was ist also dran an dieser Theorie? Kübler-Ross sprach mit sterbenskranken Menschen über ihren bevorstehenden Tod, nicht aber mit Hinterbliebenden. Es gab zudem keine einzige Studie, die ihre Theorie bekräftigen konnte. In ihrem Buch Über den Tod und das Leben danach schreibt Kübler-Ross, dass wir in Wahrheit unser Leben lang trauern werden. Das ist in vielerlei Hinsicht schädigend, denn es suggeriert, dass wir alle gleich oder ähnlich Trauern. Der Verlust bleibt, aber die akute Trauer muss es nicht. In einer Studie aus dem Jahr 2017 zeigten die Betroffenen 6-12 Monate nach dem Tod ihres Partners oder Partnerin bereits deutliche Besserungen, nur wenige brauchten eine Therapie. Auch die Art und Weise, wie Betroffene trauern, unterschied sich maßgeblich. Kübler-Ross beschreibt den Trauerprozess nur mit negativen Emotionen, dadurch entsteht zusätzliche Furcht und Angst. Wie sich zeigte, spielen positive Emotionen beim Trauerprozess aber eine entscheidende Rolle. Manche Betroffenen haben die Trauer nicht nur durchstanden, sie haben daraus Energie gewonnen und sind regelrecht aufgeblüht. Hoffnung existiert immer und davon brauchen wir mehr in unserer Kultur.
2. Lernstile
Der Begriff Lernstil ist seit den 70er Jahren geläufig und beschreibt die Idee, dass Menschen einen für sie idealen Lernstil haben. Die in der Praxis am häufigsten angewendeten Lernstile sind auditiv, visuell oder haptisch (also motorisch). Der visuelle Typ muss also ein Bild vor sich haben, der auditive Typ kann sich Sachen am besten durch bloßes Zuhören merken und der haptische Typ braucht etwas in seinen Händen.
Wahrheit oder Mythos? Studien zufolge glauben mehr als 90% der Lehrer aus Großbrittanien und der Niederlande, dass es für jeden Lernenden einen optimalen Lernstil gibt. Ähnlich hoch sind die Zahlen in Spanien und Portugal. Kritik an der Theorie der Lernstile ( 1, 2, 3 ) gibt es schon lange und 2002 hat die CERI, Centre for Educational Research and Innovation, Lernstile als Neuromythos deklariert. Es gibt keine starken empirischen Beweise, die die Existenz von Lernstilen oder Lerntypen bestätigen. Dies soll Lehrer aber nicht entmutigen, neue Lernmethoden anzuwenden. Es ist durchaus möglich, dass der optimale Lernstil nicht vom Lernenden abhängt, sondern von dem zu lernenden Stoff. Wir benötigen auf dem Gebiet einfach mehr Forschung.
3. “Menschen mit psychischen Problemen sind oft gewalttätig”
Gerade in den Nachrichten wird oft über Fälle gesprochen in denen es zu Gewalt kam und in den Kommentaren finden sich regelmäßig Aussagen wie “krank!”, “der ist doch gestört!” oder Abwandlungen davon, die andeuten, dass Menschen mit psychischen Problemen oft gewalttätig sind. Das ist ein großes Problem für die Bekämpfung von Stigmen bezüglich psychischer Gesundheit und Krankheit. Was ist also dran?
Unzählige Studien zeigen, dass Menschen mit einer psychischen Krankheit viel wahrscheinlicher Opfer von Gewalt werden als Täter. Forschern wie Desmarais wird oft vorgeworfen, dass sie Gefängnisinsaßen und sowas nicht in die Studie einbezogen haben…. Aber das haben sie. Sie fanden einen geringen statistischen Unterschied, den sie auf die Größe der Stichprobe zurückführen. Der Mythos ist also falsch. Das Gegenteil ist der Fall, Menschen mit psychischen Problemen sind viel häufifer Opfer von Gewalt und daher brauchen wir mehr Methoden, die die Gewalt gegen psychisch Kranke reduziert.
4. “Wir benutzen nur 10% unseres Gehirns”
Wo genau dieser Mythos herkommt, ist umstritten. Manche führen ihn aber selbst auf Albert Einstein zurück. Dieser Mythos ist natürlich falsch. Wenn wir nur 10% benutzen würden, wären wir knapp über dem komatösen Zustand. Dennoch hält sich dieser Mythos hartnäckig in den Köpfen mancher Menschen. Er gibt den Menschen aber auch die Vorstellung, dass sie unerschöpftes Potential haben. Das klingt zwar erstmal gut, aber genau das nutzen viele Leute aus. Nehmt also Abstand von Büchern oder ähnlichem, die Sachen behaupten wie “10 Tricks um 100% deines Gehirns zu benutzen!”, “Entfalte dein gesamtes Hirnpotential!” oder alles, was in die Richtung geht.
5. “Denk einfach positiv!”
Auch diesen Mythos findet man in Selbsthilfebüchern. Sich nur auf die positiven Gedanken zu konzentrieren, verbraucht aber viel Energie, wodurch es den negativen Gedanken anschließend einfacher sein wird, wieder aufzutauchen. Die beste Methode gegen pessimistische Gedanken ist für die meisten Reden, sei es mit einem Freund/Freundin, einem Vertrautem oder einem Therapeuten. Es rauszulassen ist um ein weites besser als sich lediglich auf das Positive zu konzentrieren.
6. “Wenn eine Therapie oder ein Medikament nicht geholfen haben, kann mir nicht geholfen werden”
Es gibt unzählige Antidepressiva, die ein Arzt verschreiben kann. Alle wirken unterschiedlich und man weiß schlichtweg nicht, welches Medikament die beste Wirkung für Einen erzielt. Es ist ein Trial-und-Error-Prinzip.
Ähnlich ist es bei einem Therapeuten. Für eine erfolgreiche Therapie müssen viele Dinge stimmen. Es ist lästig und zeitaufwendig, verschiedene Therapeuten zu testen (wenn man denn überhaupt das Glück dazu hat), aber so kann man sich jemanden suchen zu dem man eine positive Beziehung aufbauen kann.
7. “Hypnose ist hilfreich um Erinnerungen aufzurufen”
Diesen Mythos sieht man auch ab und zu im Fernsehen, beispielsweise in Dr. House oder The Simpsons. Es stimmt, dass Hypnose ein Teil der Medizin ist und auch funktionieren kann. Hypnose kann uns entspannen, wodurch es uns leichter fallen kann, uns an etwas zu erinnern, aber wir können nicht auf sämtliche Gedächtnisinhalte zurückgreifen. Das Problem ist auch, dass Hypnose oft Erinnerungen erzeugt, von denen wir glauben, dass sie stimmen. Hypnose wurde schon eingesetzt, um falsche Erinnerungen in Personen einzupflanzen, die teilweise auch vor Gericht gingen.
8. Mit Freunden zu reden ist genauso hilfreich wie eine Psychotherapie
Freunde und soziale Unterstützung sind für uns alle wichtig, das stellen nur wenige in Frage. Aber es gibt diesen Glauben, dass Psychotherapie nichts bringt, was eine gute Freundschaft nicht auch zustande bringen könnte. Eine Therapie ist aber weit mehr als einfach nur Zuhören und Reden. Therapeuten sind ausgebildete Experten wenn es um die Diagnose und Behandlung von kognitiven, emotionalen, Verhaltens- und Beziehungsproblemen geht. Während der Therapie geht es auch ausschließlich um den Klienten, während es bei Freunden meist ein Hin und Her gibt. Zudem hält man sich bei Freunden eventuell zurück, sei es um sie nicht zu verletzen oder aus Angst, sie zu vertreiben. Zu guter Letzt findet eine Therapie in den allermeisten Fällen in einem privaten Setting statt wodurch man ebenfalls “freier” sprechen kann. Freunde sind wichtig, aber sie können eine Therapie nicht ersetzen.