Feminismus

Der Grund, wieso ich es für nötig halte, diesen Text zu schreiben, ist der, dass ich viele Personen kenne, die die Ideen und Ziele des Feminismus teilen würden, wenn sie diese verstehen. Aber sie sehen es als eine komische, entfremdende, einseitige Bewegung, die sie ausgrenzt und nur die Problematik, die sie zu lösen wünscht, weiter verschärft. Ich habe schon lange Schwierigkeiten damit, diese Ideen in Worte zu fassen, aber dennoch versuche ich es hier.

Bevor ich aber anfange, möchte ich darauf hinweisen, dass ich in keinem Fall versuche, Feminismus neu zu definieren. Es soll lediglich meine Sicht widerspiegeln, was Feminismus vermitteln will und wieso es sich dabei hauptsächlich um gute Dinge handelt. Solltet ihr euch bereits als FeministIn identifizieren, dann ist dieser Text vermutlich nichts für euch. Er könnte Dinge implizieren oder andeuten, die ich so nicht meine, einfach nur weil er nicht für diese Zielgruppe geschrieben wurde. Einige Missverständnisse sind hier unausweislich und ich möchte, dass ihr das im Hinterkopf behaltet.

Okay. Also. Ich glaube, dass Feminismus ein tief verwurzeltes und schwierig zu entfernendes Problem damit hat, dass manche glauben, Feminismus konzentriere sich ausschließlich auf Frauen (alleine schon wegen des Namens). Auf viele Punkte trifft das zu, schließlich setzt sich der Feminismus auch für die fundamentalen Rechte und die Gleichbehandlung von Frauen ein, die mit spezifischen Problemen in unserer Gesellschaft konfrontiert werden. Aber wenn wir einen Schritt zurück gehen und uns Geschlecht aus der Ferne anschauen, können wir sehen, dass sich Feminismus damit auseinandersetzt, was es heißt “feminin” zu sein, wie wir Feminität wahrnehmen und damit umgehen. Wenn wir über Feminität sprechen, denken wir an Verletzlichkeit, Emotionen, Empathie, Unterwerfung usw. Bei Maskulinität hingegen, denken wir oft an Kraft, Führungsstärke und Macht. Dies sind alles menschliche Eigenschaften, die jeder von uns haben kann. Aber unsere Erfahrungen und unsere Kultur haben uns dazu gebracht, dass wir diese Eigenschaften einem Geschlecht zuordnen und damit auch Erwartungen an Personen haben, wie sich diese zu verhalten haben.

Die Eigenschaften, die wir mit Maskulinität assoziieren, sind meistens positiv (stark, unabhängig, machtvoll). Für eine lange Zeit haben die ersten Wellen des Feminismus genau dafür gekämpft, dass auch Frauen diese Eigenschaften haben können und das auch akzeptiert wird. Und weil Frauen bewiesen haben, dass sie diese Eigenschaften besitzen können, glauben wohl viele, dass die Diskriminierung gegen Frauen in den westlichen Ländern vorbei ist. Das ist bei weitem nicht so. Tatsächlich fangen wir gerade erst an zu verstehen, was Feminität und Maskulinität eigentlich ist. Auch wenn Frauen nach und nach mehr erlaubt wird (ich weiß, ist eine blöde Wortwahl), “maskuline” Eigenschaften zu zeigen (und selbst da brauchen wir noch sehr viel Arbeit), ist dies eines der leichter zu lösenden Probleme des Feminismus. Das Kernproblem ist, dass “feminine” Eigenschaften immer noch als schwach angesehen werden. Es ist wesentlich schwieriger, “feminine” Eigenschaften bei einem Mann zu akzeptieren als “maskuline” Eigenschaften bei einer Frau. Oft tun wir das ab und denken, dass der Mann homosexuell, transgender oder es irgendeine andere Erklärung dafür gibt, wieso dieser Mann in unserem Kopf “praktisch eine Frau” ist. Beispiele dafür kann man oft auf sozialen Medien, besonders auf Instagram, sehen. Wenn Männer Selfies posten und auch nur einen Hauch an Verletzlichkeit, Emotion oder irgendetwas, was als typisch “feminin” gesehen wird, zeigt, kommt oft dieses “Hah, Gaaay”-Meme aus der Serie Community. Schließlich würde Homosexualität “feminines” Verhalten rechtfertigen, oder? Oft ist das nicht mal mit einer böswilligen Absicht, es ist nur teasing unter Freunden. Aber nichtsdestotrotz ist es wichtig zu sehen, dass wir “feminines” Verhalten bei Männern und Frauen anders zu bewerten scheinen. Wenn sich Frauen unerwartet “maskulin” zeigen, also Stärke oder Unabhängigkeit zeigen, dann finden sie mittlerweile oft Unterstützung (Manchmal werden sie zusätzlich dazu auch als kalt, empathielos, als schlechte Mutter bezeichnet). Die Regel ist also: feminin ist schwach, maskulin ist stark. Das geht soweit, dass manche Männer ihre Homosexualität nicht offen zeigen wollen. Dann wird von ihnen erwartet, feminin zu sein. “Schwach” zu sein.

Für mich beschäftigt sich Feminismus nicht nur um die Gleichstellung von Mann und Frau, sondern um alle gefährlichen und toxischen Probleme, die mit unserem Verständnis von Maskulinität und Feminität verbunden sind. Das Ziel von Feminismus ist es zu zeigen, dass Maskulinität und Feminität nur Konstrukte sind. Dass es vollkommen unabhängig vom Geschlecht ist; dass viele Eigenschaften, die wir als schwach einschätzen, Stärken sind; Dass wir nicht nur einen Strang von Eigenschaften von jemandem erwarten; Dass maskuline und feminine Eigenschaften auch nebeneinander existieren können und zu einer komplexen Persönlichkeit beitragen können, welche nicht als “männlich” (stark) und “weiblich” (schwach) beschrieben werden kann; Dass Menschen nicht anders behandelt werden sollen, wenn sie sich anders verhalten als andere Menschen basierend auf ihren Genitalien von ihnen erwarten.

Das ist alles, worum es geht. Und ich finde, dass es etwas Gutes ist. Wenn ihr euch also für männliche Probleme interessiert (die hohen Suizidraten bei Männern oder die Häufigkeit an Depressionen), dann sollte Feminismus für euch ebenfalls wichtig sein. Das Streben nach Gleichberechtigung und die Probleme mit denen Frauen sich herumschlagen müssen, sollte euch wichtig sein. Wenn wir verstehen, dass maskulin als stark und feminin als schwach angesehen wird, und wir tatsächlich Lösungen für dieses Problem finden, dann gewinnen wir alle davon. Das ist eine Gesellschaft, die nicht nur Frauen benachteiligt, es ist eine, die uns alle benachteiligt. Daher setzt sich Feminismus nicht nur für Frauen ein, sondern auch für die Rechte jedes anderen Geschlechts.