Trauma und Dysregulation

Wie angekündigt, wollte ich euch mal erklären, was Dysregulation eigentlich bedeutet und das kann ich am besten wenn ich euch vorher die Integration erkläre. Ein einfaches Beispiel für Integration ist ein Cocktail. In einem guten Cocktail sind alle Zutaten aufeinander abgestimmt. Sie ergänzen sich, gleichen sich aus und binden sich zu einem harmonischen Ganzen. Alle Zutaten integrieren sich zu einem System. In unserem Körper geschieht etwas ähnliches wenn wir beispielsweise Musik machen und verschiedene Hirnareale miteinander arbeiten oder wenn unsere linke und rechte Gehirnhälfte miteinander kommunizieren oder wenn wir Parallelen zwischen unseren Gedanken und körperlichen Empfindungen ziehen. In unseren Beziehungen findet ebenfalls Integration statt wenn wir uns mit einer Freundin unterhalten und dabei mit uns verbunden bleiben während wir uns auf sie konzentrieren. Bei posttraumatischem Stress findet nun aber Desintegration statt. Gedanken, Erinnerungen und Emotionen werden von unseren Erlebnissen abgetrennt und kommen permanent in unser Bewusstseinsfeld. Unser Körper schlägt Alarm und bereitet sich auch einen Angriff vor, auch wenn andere versuchen, uns zu beruhigen. Wieso schaffen es nun manche Menschen, traumatische Erlebnisse zu integrieren während andere in ihnen feststecken? Dafür müssen wir uns das System in unserem Gehirn anschauen, insbesondere die für den Stress zuständigen Bereiche: Der Hippocampus, die Amygdala und der Präfrontale Cortex. Ich will jetzt nicht zu sehr in die Neuropsychologie eintauchen, daher werde ich es kurz und vereinfacht halten.

Der Hippocampus und die Amygdala sind beide Teil des lymbischen Systems, also einem Teil des emotionalen Gehirns, der vor allem für unser Wohlbefinden und für unser Überleben verantwortlich sind. Es spürt in unserer Umgebung Gefahren und Gelegenheiten auf, also wenn wir uns zum Beispiel vor verdorbenem Essen ekeln oder wenn wir für uns attraktive Menschen sehen und uns ihnen nähern wollen. Und dabei arbeitet es generalisierend. Stellt euch einfach vor, ihr spaziert durch den Wald und seht eine Schlange. Ihr werdet sofort aufgeregt und euer Körper strotzt nur so voller Energie, das passiert ganz automatisch und super schnell. Es spielt nun keine Rolle, ob es wirklich eine Schlange war oder etwas anderes war, was ihr irrtümlicherweise für eine Schlange gehalten habt. Es generalisiert. Das ist eine einfache Schutzreaktion, die uns in der Evolution beschützt hat. Die zwei für uns wichtigen Gebiete sind nun die Amygdala und der Hippocampus. Die Amygdala könnt ihr euch wie eine Art “Rauchmelder” vorstellen. Ihre Funktion ist es, Stimuli eine emotionale Bedeutung zu geben und zu identifizieren, was das beste für unser Überleben ist. Die Amygdala ist es, die den Schlauch oder den Ast oder was auch immer als Schlange und somit als mögliche Gefahr interpretiert. Daraufhin schlägt sie sofort Alarm und sendet Signale an den Körper, dabei werden Stresshormone ausgeschüttet und der Körper wird sofort mit Energie versorgt – noch bevor wir uns bewusst sind, ob es sich hier um eine Schlange handelt oder nicht. Als nächstes der Hippocampus. Der ist unter anderem für Erinnerungen wichtig, genauer gesagt für die zeitliche Abfolge von Erinnerungen. Er gibt unseren Erinnerungen einen Start, eine Abfolge und ein Ende. Wenn ihr euch also an den gestrigen Tag denkt und euch erinnert, was ihr gegessen habt (und ihr euch bewusst seid, dass es eine Erinnerung ist), dann funktionioniert das aufgrund eures Hippocampus. Und zu guter letzt kommt der präfrontale Cortex. Dieser ist unser “rationales Gehirn”, er hilft uns also dabei, uns einen Überblick zu verschaffen, Dinge zu verstehen, Entscheidungen zu treffen und über Dinge nachzudenken. Wenn ihr also vor der “Schlange” wegrennt, könnte euch nach einigen Millisekunden klar werden, dass das überhaupt keine Schlange war. In diesem Fall hilft euch euer präfrontale Cortex, diese Situation zu bewerten. Anders als die Amygdala benötigt der präfrontale Cortex Zeit, er muss abwägen und entscheiden, ganz besonders wenn die Amygdala einen falschen Alarm ausgelöst hat. Damit hilft unser präfrontaler Cortex uns also dabei, unser emotionales Gehirn unter Kontrolle zu halten und nicht jedes mal panisch zu reagieren, wenn eine vermeintliche Gefahr vorhanden ist. Das sind also die drei Bereiche, die interagieren – Amygdala, Hippocampus und der präfrontale Cortex.

Bei posttraumatischem Stress funktioniert dieser Integrationsprozess nicht mehr richtig. Wir reagieren weiterhin so als bestünde Gefahr. Normalerweise würde unser Hippocampus unserem präfrontalen Cortex die Information geben, dass ein Ereignis stattgefunden hat und vorbei ist, und unser präfrontale Cortex würde die emotionale Reaktion der Amygdala hemmen, damit sich unser Körper wieder einpegelt. Ein Trauma ist aber ein Ereignis, dass unsere Kapazität sprengt. Wir erreichen also einen ZU hohen Stresslevel und die Stresshormone setzen unseren Hippocampus außer Gefecht. Wir können diesem Ereignis also keine zeitliche Abfolge mehr zuordnen, also auch kein Ende. Der präfrontale Cortex bekommt also nie die Nachricht, dass das Ereignis vorbei ist und versäumt deshalb, die Amygdala zu blockieren. Das bezeichnet man als hippocampales Versagen und ist (zumindest für jetzt) die biologische Grundlage, die ihr benötigt, um Trauma und Dysregulation zu verstehen. Für die Dysregulation müssen wir uns noch ein weiteres Konzept anschauen, und zwar Arousal. Arousal könnt ihr euch hier einfach als die grundlegende Bereitschaft zum Leben vorstellen. Als Menschen sind wir sehr sensibel, daher versuchen wir alles im Körper zu regulieren. Wir haben für fast alles einen optimalen Bereich in dem wir uns befinden wollen um perfekt zu funktionieren. Unsere Körpertemperatur ist dafür ein gutes Beispiel. Ist sie 2 grad höher oder niedriger als unser optimaler Bereich, bekommen wir schnell Probleme und können nicht mehr angemessen funktionieren. Beim Arousal ist es ähnlich, idealerweise wollen wir es für jede Aufgabe im optimalen Bereich haben. Ein niedriges Arousal haben wir, wenn wir ohne Albträume schlafen, uns entspannen, ruhig sind usw. Ein hohes Arousal bedeutet hingegen Panik, Angst, also wenn wir uns in einer lebensbedrohlichen Situation befinden und wir im Kampf-oder-Flucht-Modus sind. Es ist also wichtig, dass wir unser Arousal auf irgendeine Weise regulieren können, je nachdem in welcher Situation wir uns befinden.

Und hier kommt Trauma ins Spiel. Trauma sorgt dafür, dass wir einen akuten Anstieg an Arousal haben. Bei posttraumatischem Stress werden aber beide Gaspedale komplett durchgedreht, also für viel Arousal und für wenig Arousal. Uns so kommt es bei Traumaüberlebenden oft vor, dass sie zwischen diesen beiden Extremen hin- und herschwanken. Von plötzlicher Panik zur Starre und umgekehrt. Ihre Selbstregulation für Arousal ist also stark eingeschränkt. Sie sind dysreguliert. Traumaüberlebende haben also oft einen Hippocampus, der eingeschränkt ist, und eine Amygdala, die übersensibel wird und ständig Alarm schlägt. Wie funktionieren nun Trigger? Nun, wenn ihr diesen Text lest und plötzlich ein sehr lauter Knall neben euch entstehen würde, dann wärt ihr im ersten Moment aufgeregt. Euer Herzschlag würde sich erhöhen, ihr würdet die Augen aufreißen und akribisch nach mehr Informationen suchen um die Lage einzuschätzen. Müsst ihr weglaufen? Ist nur etwas hingefallen? Wie verhalten sich eventuell andere? Usw. Ihr würdet schnell zum Schluss kommen, dass keine Gefahr besteht. Alles gut.

Traumaüberlebende haben aber eine übersensible Amygdala. Sie über-generalisieren Stimuli und die Amygdala wird immer weiter Alarm schlagen, ohne dass der Hippocampus sie wieder hemmen und unseren Körper beruhigen kann. Sie können also schnell panisch werden. Auch deren Gehirn sucht weiter nach Informationen, aber die übersensible Amygdala interpretiert sie als Gefahren wodurch sie ein noch höheres Arousal bekommen. Das wäre eine Extremform der Dysregulation. Trigger funktionieren also, weil sie über-generalisiert als Gefahr wahrgenommen werden. Ein lauter Knall oder eine Feuerwerksrakete könnte uns in ein Kriegstrauma zurückbringen, ein schreiendes oder lachendes Kind könnte uns in einen Verkehrsunfall zurückbringen, bei dem eines unserer Kinder gestorben ist, eine Stimme könnte uns an unseren Mobber oder unsere Mobberin in der Schulzeit erinnern oder ein Duft oder Parfüm könnte uns an unseren gewaltvollen Vater aus unserer Kindheit erinnern. Scheinbar kleine Dinge können also eine stärkere, emotionale Reaktion in uns auslösen als angemessen wäre. Das sind Trigger. Ich hoffe, ihr habt somit ein gutes Bild darüber, was Dysregulation bedeutet, auch wenn ich hier Extrembeispiele beschrieben habe.

Schauen wir uns mal ein reales Beispiel von einer Traumaüberlebenden an. Vor einigen Jahren hatte ich eine Klientin, die ein Trauma erlebt hat, später mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde und ein Medikament bekam, welches man in erster Linie mit einer Depression assoziieren würde.

Content Warnung: Sexuelle Nötigung, Selbstverletzendes Verhalten

Das erste mal als ich mit der Klientin gesprochen habe, war sie 18 Jahre alt. Sie sagte, dass sie asexuell sei und in einer Partnerschaft lebe. Vor dieser Beziehung habe sie romantische Beziehungen und körperliche Intimität vermieden, auch wenn sie romantische Anziehung empfindet. Sie hätte Angst vor der eventuellen Erwartung von Sex. Sie hat jemanden gefunden, der sich ebenfalls als asexuell angesehen hat und dadurch fühle sie sich auch wohler mit körperlichem Kontakt, Küssen, Kuscheln usw. Die Gefahr, dass diese körperliche Intimität zu Sex führen könnte, war für sie nicht gegeben. Im Laufe der Beziehung bemerkte ihr Partner, dass er doch nicht asexuell sei und die Beziehung wurde langsam körperlicher. Sie erzählte, dass sie ein geringes Selbstbewusstsein habe und ihre Grenzen nach und nach gelockert hätte. So auch als sie ihren Consent zum Sex gab. Auch wenn sie nicht direkt einwilligte, lies sie sich von ihm dazu überreden. Emotional und körperlich war das eine sehr schmerzhafte Erfahrung für sie. Sie fühlte sich als ob sie sämtliche Kontrolle verloren hat und wusste, dass ihre Einwilligung zum Sex falsch war. Aber sie hasste ihre Asexualität. Sie hasste es, anders zu sein. Und sie hasste es, dass sie befürchtete, eine schlechte Freundin zu sein wenn sie den Sex verneinen würde. Sie hatten nach dieser Erfahrung noch mehrmals Sex. Ihre Hoffnung war es, dass der Sex sie irgendwie ändern würde und dass sie sich daran gewöhnen könnte.

Das ist allerdings nie passiert. Stattdessen lies sie den Sex über sich ergehen als “Opfer für die Beziehung” wie sie es für sich rechtfertigte. Sie vermisste die ersten paar Monate in der Beziehung als Sex noch kein Thema war. Sie bekam Schlafprobleme und lag regelmäßig wach im Bett. Auch wenn sie zu dem Zeitpunkt nichts an der Beziehung hat ändern wollen, schämte sie sich für ihre Einwilligung zum Sex. Sie habe den Wunsch, sich bei ihrem Körper für ihre Entscheidung, nicht auf ihn gehört zu haben, zu entschuldigen. Mit der Zeit verlor sie immer häufiger die Kontrolle über ihre Emotionen. Sie wurde regelmäßig wütend, traurig, ängstlich, festgefroren und fing an, ihren Partner, Freunde oder Familienmitglieder anzugreifen und zu beschuldigen. Zusätzlich erhöhte sich ihr Alkohol und Zigarettenkonsum. Nachdem sie auch anfing, sich selbst zu verletzen indem sie sich mit ihrem Feuerzeug kontrolliert selbst verbrannte, ging sie zu einer Psychiaterin und wurde mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Ihr wurden Serotonin-Wiederaufnahmehemmer verschrieben, ein Medikament welches häufig bei Depressionen verschrieben wird. Sie fand aber keinen Therapieplatz und das ist der Punkt an dem sie zu uns kam.

Anstatt aber auf unsere Gespräche einzugehen, möchte ich meinen Fokus (zumindest vorerst, kommt auf euer Interesse an) darauf legen, was da passiert ist. Wieso hat sie nichts gesagt während sie das Trauma erlebt hat? Wieso hatte sie danach noch öfter Sex? Wieso hat sie Schlafprobleme bekommen, woher kam der Scham, wieso verlor sie die Kontrolle über ihre Emotionen? Wieso wurde sie wütend, ängstlich, manchmal bewegungslos und kalt? Wieso beschuldigte sie ihre Familie und Freunde? Wieso zeigte sie immer mehr risikofreudiges Verhalten, wie ihren erhöhten Konsum oder ihr selbstverletzendes Verhalten? Wieso halfen ihr Serotonin-Wiederaufnahmehemmer? Wie kann Stress derartige Veränderungen in einem Körper und im Verhalten verursachen? Dazu müssen wir nochmals einen Blick auf die Neurophysiologie werfen. Weiter oben habt ihr ja bereits einige biologische Grundlagen in Bezug auf Traumata kennengelernt. (Die Amygdala, die quasi als Rauchmelder agiert, bei Traumaüberlebenden aber übersensibel wird und daher schnell Alarm schlägt. Den Hippocampus, der unter anderem für Erinenrungen zuständig ist und denen einen Anfang, eine Mitte und ein Ende gibt. Und der Präfrontale Cortex, unser “rationaler Teil” des Gehirns, der uns einen Überblick gibt und unser emotionales Gehirn unter Kontrolle bringen kann.)

Jetzt kommt aber noch das vegetative Nervensystem hinzu. Dieser besteht aus dem Sympathicus und dem Parasympathicus, die normalerweise gegensätzliche physiologische Wirkungen haben. Der Sympathicus zeigt seine höchste Aktivität bei vermeintlichen oder realen Gefahrensituationen. Dazu gibt es die berühmte Eselsbrücke, die die ablaufenden Reaktionen gut zusammenfasst, die 4 Fs: fight, flight, freeze und sex. Unser Sympathikus ist es, der unser Herz schneller schlagen lässt, unsere Atmungsfrequenz erhöht, unsere Arme und Beine mit Blut und damit Energie durchströmen lässt usw. Er übernimmt ganz viele Funktionen im Körper. Der Parasympathicus unterstützt hingegen körperliche Vorgänge wie die Verdauung, unsere Fähigkeit zum socializen, Wachstum, Immunreaktionen usw. Je nachdem wie hoch unser Arousal ist, desto höher ist die Aktivität vom Sympathicus. Ist unser Arousal gering, ist die Aktivität von unserem Parasympathicus am höchsten. Macht auch Sinn, oder? Wenn wir schlafen, entspannen o.ä. Ist unsere Herzrate gering, unsere Atmung wird tiefer, wir verdauen, schlafen, können (je nachdem, wen man fragt) gut socializen usw.

Jetzt hat man das vegetative Nervensystem in drei Untersysteme aufgeteilt, die hierarschisch und organisiert sind und unsere unwillkürlichen Reaktionen in Gefahrensituationen steuern. Das sind quasi Verteidigungslinien, die sich in unserer Evolution so entwickelt haben. Am besten machen wir dazu ein Beispiel um das zu verdeutlichen. Nehmen wir mal an, ihr würdet nachts durch die Stadt gehen und etwas gefährliches sehen. Als erstes würdet ihr vielleicht um Hilfe bitten oder rufen. Das wäre der erste Bereich. Sollte das nicht helfen, bekommt ihr vielleicht mehr Angst. Euer Arousal erhöht sich und ihr kommt in den zweiten Bereich, eure Kampf-oder-Flucht-Reaktion greift ein und ihr wollt einfach nur weg oder kämpfen. Sollte auch das nicht helfen oder es euch nicht möglich sein, erhöht sich euer Arousal noch weiter. Die Gefahr steigt und ihr kommt in den dritten Bereich, der Schockstarre. Euer Körper macht dicht, ihr fühlt euch wie betäubt. Ihr verliert die Hoffnung usw. Aus Filmen oder Serien kennen wir das mehr als gut. Wenn es einem “den Atem verschlägt”, man “starr ist vor Angst”, es einem “die Worte verschlagen hat”. Das alles ist dieser dritte Bereich. Zur besseren Hilfe habe ich hier auch einen Graphen gezeichnet mit einem Ampel-System, der die drei Bereiche zusammenfassen sollte.

Wenn sich euer Body Arousal erhöht, kommt ihr in den gelben oder sogar roten Bereich. Mögliche Symptome sind in rot geschrieben. Ganz rechts an der Seite steht, ob in diesem Bereich der Sympathikus oder der Parasympathikus aktiver ist.

Im grünen Bereich ist alles in Ordnung, wir können reden, atmen, befinden uns im Moment, haben uns im Griff. Hier ist der Parasympathicus aktiv, das Arousal ist gering, es besteht keine oder nur eine geringe Gefahr. Im Zweiten Bereich ist die Gefahr schon höher, das Arousal steigt und der Sympathicus ist aktiv. Wir bekommen die Energie und sind bereit zum Kämpfen oder zum Fliehen. Steigt die Gefahr noch weiter an, erhöht sich auch unser Arousal und wir sind im roten Bereich. Dort findet eine Immobilitätsreaktion statt. Auch das habt ihr sicherlich schonmal in Filmen oder Serien gesehen nachdem jemand ein Trauma erlebt hat. Oft sitzen die Traumaüberlebenden dann bei der Polizei oder am Krankenwagen, habe eine Traumadecke bekommen uns sitzen ruhig da. Genau in diesem roten Bereich befinden sie sich meist. Sie fühlen sich betäubt, nehmen Stimmen anderer oft gar nicht wirklich wahr, können schlecht kommunizieren, fühlen sich hilfslos, empfinden Scham, wirken depressiv, als seien sie woanders. Oft kommt dann ein Polizist und versucht ruhig mit denen zu reden, aber sie nehmen es gar nicht wahr oder verstehen nicht, was gerade passiert. Diese drei Systeme sind wichtig um Trauma zu verstehen. Kommen wir nun zu meiner Klientin oben zurück. Wieso hat sie also nichts gesagt? Nichts getan? Bis zu diesem Punkt fühlte sie sich in der Beziehung sicher. Endlich jemand, der sie genauso versteht wie sie ist und ebenfalls keinen Sex möchte. Sobald er dann aber doch Sex wollte, stieg auch ihr Arousal. Sie war verwirrt, frustriert, hatte Angst, eine schlechte Freundin zu sein und ihn zu verlieren, sollte sie nicht einwilligen. Sie war also in der Situation gefangen und hatte keine Wahl. Sie hatte Angst, etwas zu verlieren. Und so gab sie ihr Einverständnis, auch wenn sie wusste, dass das die falsche Entscheidung war. Es war sexuelle Nötigung. Sie war jetzt im gelben Bereich, in der Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Aber weil sie weder Kämpfen konnte, noch fliehen wollte, stieg ihr Arousal weiter und sie endete im roten Bereich. Der Körper reagiert darauf, indem er herunterfährt. Er versucht, seine Energie zu sparen und so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen. Bei dieser Erstarrungsreaktion werden enorme Mengen an Endorphinen ausgeschüttet, die den Schmerz blockieren. Wenn wir nicht flüchten können, ermöglicht uns Dissoziation, uns innerlich vom Ort des Geschehens zu entfernen und macht das Unerträgliche “erträglicher”. Sie erlebte danach posttraumatischen Stress. Obwohl sie ihre Reaktion während der sexuellen Nötigung geschützt hatte, war sie in einem dysregulierten Zustand gefangen. Die Wechselwirkung zwischen dem Parasympathicus und dem Sympathicus war aus dem Gleichgewicht geraten. Sie hatte den Vorfall nicht vollkommen integriert und litt unter einem chronisch erhöhtem Erregungszustand.

Sie bekam daraufhin regelmäßig wiederkehrende Gedanken, die sie an diesen oder die nächsten Vorfälle erinnert haben und die volle körperliche Reaktionen in ihr ausgelöst haben. Diese kamen unangekündigt und sie hatte keine Kontrolle darüber. Tagsüber, nachts (wodurch sie auch Albträume bekam und wodurch sich ihre Schlafprobleme erklären lassen), beim Essen, beim Fernsehen, in der Schule, diese Gedanken machen vor nichts halt. Und eine der perversen Dinge, die passieren können wenn der Körper sich an diesen Zustand gewöhnt, ist, dass sich unser Körper diesen Zustand als neuen Normalzustand nimmt. Und das passiert leider häufig bei Traumaüberlebenden. Einer der Gründe sind sicherlich die enorme Mengen an Endorphinen, die in Gefahrensituationen ausgeschüttet werden. Daher ist es auch nicht unüblich, dass Traumaüberlebende aktiv nach Gefahren suchen oder sich davon anziehen lassen. So können Dinge, die sich beim ersten mal nicht gut anfühlen, dennoch Freude verursachen. Das können negative Dinge sein wie zu schnelles Fahren, Drogenkonsum, selbstverletzendes Verhalten wie Schneiden oder sich Verbrennen oder teilweise auch positive, wie Extremsport oder Adrenalin-Junkies. Endorphine wirken in unserem Körper ähnlich wie Morphine, die bekanntlich auch abhängig machen. Uns ähnliche Verhaltensweisen lassen sich auch bei Traumaüberlebenden feststellen. Die Entzugserscheinungen bei mangelnder Aktivität ist dabei schlimmer als die Aktivität an sich. Der chronische erhöhte Erregungszustand sorgte bei der Klientin aber auch dafür, dass sie sich öfter und länger im gelben Bereich, also dem Kampf-oder-Flucht Bereich, befand. Das ist wichtig wenn wir uns das Krankheitsbild von Borderline anschauen. Dazu eine kurze Anmerkung: Ich bin kein Diagnostiker. Es ist weder meine Absicht, noch mein Wunsch, jemanden zu diagnostizieren. Mir ist es egal, ob jemand mit der Definition laut dem Diagnostics Manual übereinstimmt oder nicht. Ich befasse mich mit den seelischen Auswirkungen, die eine Person erfährt. Dazu gehören das Erkennen, das Wahrnehmen und sie man damit umgeht. Ob ich mit der Diagnose der Borderline Persönlichkeitsstörung übereinstimme oder nicht, ist hier komplett egal. Daher schauen wir uns auch nur einige, relevante Symptome von Borderline an, die für unser Verständnis aber ausreichend sein sollten. Eine Borderline Persönlichkeitsstörung zeichnet sich aus durch anhängliche aber unstabile Beziehungen, extremen Stimmungsschwankungen und selbstzerstörerischen Verhalten, darunter auch selbstverletzendes Verhalten und wiederholte Suizidversuche. Das selbstzerstörerische Verhalten haben wir bereits geklärt, kommen wir nun also zu den Stimmungsschwankungen und den Beziehungen. Trauma ist laut Definition unerträglich. Viele Traumaüberlebende versuchen daher die Erfahrungen zu vergessen und so zu tun als sei nichts passiert. Es erfordert viele Energie, einfach weiter zu funktionieren solange wir diesen Terror und den Scham aufgrund unserer Hilfslosigkeit und unserer Schwäche in uns tragen. Unser Körper ist aber richtig, richtig schlecht darin, Dinge zu verdrängen. Das erklärt, wieso auch die kleinsten Dinge eine starke emotionale Reaktion verursachen können.

Das macht intime Beziehungen deutlich schwerer. Wir verlieren nicht nur die Kontrolle über unseren Körper, sondern auch das Vertrauen darin. Und wenn wir nicht mal uns und unserem Körper vertrauen können, wie können wir dann einem anderen wirklich vertrauen und uns auf eine intime Beziehung einlassen, nachdem wir mal derart verletzt worden sind? Was meine Klientin gemacht hat, war, sich durchweg beschäftigt zu halten. Sie brauchte immer Aufregung in ihrem Leben, sei es durch vieles Arbeiten, dem Alkohol, Streitereien, dem selbstverletzendem Verhalten oder durch die Beziehung. Wenn sie die Aufregung nicht hatte, war sie alleine. Und wenn sie alleine war, musste sie nachdenken. Und wenn sie nachdenken musste, kamen wieder die Erinnerungen. Und das löste in ihr Panik aus. Diese Flashbacks können extrem unangenehm werden, weil man nicht weiß, wann sie kommen oder wielange sie anhalten werden. Wenn das häufig passiert, kann es dazu führen, dass wir unser Vertrauen darin verlieren, Gefahren akkurat zu erkennen. Und das überträgt sich auch auf unsere Beziehungen. Sie hatte also regelmäßig Angst, verlassen zu werden (und damit alleine zu sein) und war deswegen anhänglich, aber auf der anderen Seite hatte sie viele Stimmungsschwankungen und hatte wenig Vertrauen in ihre Beziehungen. Sie war regelmäßig im gelben Bereich und reizbar, besorgt, wütend, frustriert oder ängstlich. Sie wusste aber oft nicht die Ursache für ihre emotionalen Reaktionen. Weil sie bei sich keine logische Ursache für ihre Reaktion gefunden hat, hat sie die Ursache nach außen hingeschoben und ihrem Freund, Familienmitgliedern oder Bekannten die Schuld für viele Dinge gegeben. Natürlich spielt hier auch wieder mit, dass sie die Aufregung suchte, wenn auch unbewusst. Das würde fürs Erste die oben aufgeführten Symptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung erklären.

Ich glaube, ich habe jetzt aber auch erstmal genug geschrieben, daher möchte ich nur kurz auf die letzte Frage eingehen. Wieso halfen ihr Serotonin-Wiederaufnahmehemmer? Nun, bei posttraumatischem Stress haben wir eine übersensible Amygdala. Also den Rauchmelder, der immer feuert und Alarm schlägt. Die Amygdala läuft unter anderem durch Serotonin und unser Serotoninspiegel beeinflusst, wie reaktiv wir sind. In der Behandlung mit Traumaüberlebenden ist es notwendig, dass sie sich im grünen Bereich, also dem Social Engagement System, befinden. Durch die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer hatte sie mehr Serotonin zur Verfügung, ihr Serotoninspiegel war demnach also höher und sie war weniger reaktiv, wodurch sie nicht nur eine bessere Kontrolle über ihre Emotionen hatte, sondern auch empfänglicher für eine Gesprächstherapie wurde.