Die Arbeit mit Teenagern

Diese Woche wollte ich mal etwas mehr auf die Arbeit mit TeenagerInnen eingehen und den Fokus vor allem auf einige Dinge legen, die viele Erwachsene falsch machen. Da das letzte Woche mit dem realen Fall auch so gut lief und ich der Meinung bin, dass eine Falldarstellung ein gutes Hilfsmittel ist um es sich besser vor Augen zu führen, werde ich auch heute wieder einige Fälle heranziehen. Einer der größten Fehler, die ich sehe, ist Adultismus. Und das ist etwas, was ihr mit Sicherheit alle schon erlebt habt. Ich war mir nicht sicher, woher der Begriff kam, also habe ich ihn gegoogelt und herausgefunden, dass es einen ganzen Wikipedia-Eintrag dazu gibt. „Adultismus bezeichnet Vorurteile gegenüber einer Person oder einer Personengruppe aus Gründen des geringeren Alters, aber auch Strukturen, die eine Diskriminierung jüngerer Menschen produzieren und aufrechterhalten.“ Im Grunde heißt das: Die meisten Erwachsenen glauben, dass sie etwas wissen und das TeenagerInnen ihnen deswegen zuhören müssen. Das haben leider auch viele PsychologInnen, TherapeutInnen, LehrerInnen, Eltern, PädagogInnen oder auch in meiner alten Arbeit als psychologischer Berater. Und ihr kennt das mit Sicherheit auch. Irgendjemand ein Erwachsener oder eine Erwachsene hat diese Idee im Kopf und glaubt, es besser zu wissen als ihr. Und das ist oft nicht der Fall. Und die Fähigkeit, sich einfach auf TeenagerInnen einzulassen, sich auf den selben menschlichen Level zu begeben und sie als Menschen zu behandeln, ihnen genauso viel Respekt und Integrität entgegenzubringen wie man selber gerne hätte, ist, was am häufigsten fehlt. TeenagerInnen sind minderjährig und das verleitet viele dazu, sie so zu behandeln als ob sie noch nicht in der Lage sind, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Aber die Entscheidung, ob sie sich auf uns einlassen oder unsere Hilfe akzeptieren, ist komplett ihre Entscheidung. Und sich das nicht wahrhaben zu wollen und weiterhin zu glauben, dass man es besser weiß, macht jegliche Beziehung, in der sich TeenagerInnen respektiert fühlen und Hilfe akzeptieren können, unnötig schwer oder unmöglich. Ich will nicht sagen, dass man die Weisheit und Erfahrung eines Erwachsenens abtun sollte, sondern dass es ein gesundes Mittelmaß gibt. Leider habe ich zu häufig gesehen, wie Erwachsene ein Gespräch in einen Vortrag verwandeln, langweilige Monologe führen und sich alles belehrend anfühlt. Was bleibt da einem Teenager auch übrig als sich nicht wertgeschätzt zu fühlen? Statt gegenseitige Wertschätzung und einem gesunden Austausch, versuchen Erwachsene oft die Ideen und Werte der Kinder an ihre eigenen anzupassen. Und das habe ich leider auch oft bei uns in der Arbeit gesehen wenn neue KollegInnen ins Team kamen. Manche von ihnen hatten bereits viel Erfahrung mit erwachsenen KlientInnen oder PatientInnen, aber eben nicht mit Jugendlichen und das konnte man denen schnell ansehen. Alles, was sie bis zu diesem Zeitpunkt gelernt haben, war zwar an sich richtig, aber bei TeenagerInnen sollte man weniger darauf achten wie eine Therapie sein sollte, sondern sich anzupassen. Viele der Jugendlichen mit denen ich gearbeitet habe, wurden schon oft von anderen Erwachsenen, Kliniken oder von ihrem Umständen enttäuscht, dass sie gelernt haben, sich davor zu schützen. Und das macht es für uns schwieriger, diese TeenagerInnen zu erreichen. Wenn uns also die Fähigkeit fehlt, wie wir uns an TeenagerInnen anpassen können und ihnen mit Respekt zu begegnen, können wir möglicherweise Schaden anrichten, Vertrauen verletzen oder selbst zu einer Belastung werden. Das Ziel sollte es also sein, einen wahrhaft befreienden Rahmen zu bieten und wie das genau aussieht, schauen wir uns jetzt an einem Beispiel an.

Content Warning: Selbstverletzendes Verhalten

Ich beschreibe den Fall nur sehr kurz, da ich mich anschließend auf genaue Punkte konzentrieren möchte. Die Klientin hieß Lena (Name natürlich verfremdet), war 13 Jahre alt und hat sich selbst an den Oberschenkeln geschnitten. Sie wirkte generell sehr offen gegenüber der Therapie, hatte schon einige Gespräche und Aufenthalte in einer Klinik, diese haben aber alle nicht funktioniert. Sie fühlte sich missverstanden, fehl am Platz, hatte ein geringes Selbstwertgefühl und fühlte nicht akzeptiert. Für ihre KlassenkameradInnen war Lena aber eine gute und verlässliche Freundin. Sie hörte ihnen immer zu, wirkte empathisch und half ihnen bei ihren Problemen. Lenas Eltern waren geschieden, sie lebte bei ihrer Mutter. Diese war mit der Kindererziehung und der Arbeit überfordert und hatte für Lena nur wenig Zeit. Um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, hat sie sich in der Schule angestrengt, auf ihr Äußeres geachtet, auf ihre Manieren geachtet und hat für sie wie ein „Paradekind“ gewirkt. Während der Pubertät hat sie angefangen, sich selber in den Oberschenkel zu schneiden. Der Grund für den Oberschenkel war, dass man die Narben besser verstecken kann und man selbst im Schulschwimmen oberschenkelverdeckende Badeanzüge tragen kann. Sie sah sich stets als „minderwertig“ und hat die Probleme ihrer KlassenkameradInnen aufgesogen wie ein Schwamm um sich dadurch etwas wertvoller zu fühlen. Zu Beginn unserer Gespräche war sie auch in einer Beziehung mit einem Freund, im Laufe der nächsten Wochen hat er sie aber betrogen und war mit einem anderen Mädchen aus der Schule zusammen. Und genau hier setzen wir an. Als Lena mir von ihren Schnitten und anderen Methoden erzählte, wie sie sich selbst verletzte, war ich natürlich besorgt. Wer wäre es auch nicht? Aber sie sprach sehr offen darüber und hat das Gespräch schon früh selbst in diese Richtung gelenkt. Ich wusste, dass sie vorher schon bei einigen TherapeutInnen und ÄrztInnen war und musste mir da zum ersten Mal selbst die Frage stellen: Sollte ich so reagieren wie es jeder andere Erwachsene tun würde? Jeder wäre besorgt und hätte Angst, das hatte ich auch. Aber die anderen ÄrztInnen und TherapeutInnen haben mit Sicherheit schon mit ihr darüber gesprochen. Deswegen wollte ich mit Lena einen etwas aktiveren Weg gehen, statt „nur“ zu reagieren und letzten Endes hat sich das als die richtige Entscheidung erwiesen. Ein gutes Beispiel dafür wäre unser Gespräch, als ihr Freund sie betrogen hat und mit einem anderen Mädchen in der Schule zusammenkam. Für Lena war der Grund offensichtlich. „Sie hat größere Brüste und sieht einfach hübscher aus als ich. Da kann ich nichts machen.“ Und auch hier würde jeder Erwachsene den „Standard-Wiederaufbau-Monolog“ halten. Schönheit ist nicht alles; es sind die inneren Werte, die zählen; Wenn der Typ Frauen nur nach dem Äußeren bewertet, dann ist er eh nicht der richtige!“ Und hier kommen wir wieder zum Thema Adultismus. Die meisten Teenagerinnen, die gerade verlassen wurden, glauben diese (nicht negativ gemeint) Gefühlsduselei nicht. Hätte ich also so reagiert und diese Dinge gesagt, würde das Gespräch von einem Moment zum anderen nur noch über mich gehen. Ich würde darüber reden, was ich glaube und denke anstatt, dass ich mich auf sie einlasse und wir uns darauf konzentrieren, was sie denkt und fühlt. Was wir also stattdessen gemacht haben, ist, dass wir über die Jungs in ihrer Klasse gesprochen haben, einige mit denen sie gut befreundet war. Wir sprachen darüber, ob es Unterschiede gibt zwischen den Jungs, die ihre Freundin basierend auf dem Aussehen aussuchen und zwischen denen, die es aufgrund von anderen Merkmalen tun. So blieben wir also weiterhin bei dem Thema, ohne dass sie das Gefühl bekam, dass ihre Emotionen fehl am Platz seien. Dann fragte ich sie, wieso in all ihren Geschichten über die Jungs aus ihrer Klasse, die Jungs immer die Kontrolle haben und sich die Freundinnen aussuchen dürfen? Und so hat sie selbst angefangen, ihre Sichtweise von Jungs, Mädchen und Beziehungen zu hinterfragen. Lena hatte nie das Gefühl, die Kontrolle zu haben. Als Kind sehnen wir uns nach zwei Dingen: gesehen zu werden und gehört zu werden. Da Lenas Mutter keine Zeit für sie hatte, hat Lena versucht, die Aufmerksamkeit und somit die Liebe, woanders herzubekommen. Sie hat gelernt, Liebe zu bekommen in welcher Form auch immer sie sich anbietet. Sie hat dafür gearbeitet und sich meistens so verhalten, wie man es von ihr verlangt hat und auf der anderen Seite hat sie die Teile vernachlässigt, die sie schlecht oder beschämend angesehen hätte lassen. Das erklärt wieso sie sich in der Schule so angestrengt hat (Aufmerksamkeit der Lehrer), wieso sie nie ein gutes Gefühl für sie selbst hatte (weil sie nie sie selbst sein konnte), wieso sie die Probleme anderer so aufgesogen hat (Aufmerksamkeit der Freunde und den Schmerz kannte sie zu gut). Es gibt auch eine Erklärung wieso sie angefangen hat, sich zu schneiden. Es war eine Möglichkeit wie sie zumindest über eine Sache in ihrem Leben die Kontrolle hatte. Deswegen hat es bei Lena so gut funktioniert, aktiv zu sein statt reaktiv. Nicht die Kontrolle des Gesprächs übernehmen und sich wirklich auf sie als Person zu konzentrieren, nicht ihre Erfahrungen und Emotionen zu hinterfragen oder kleinzureden, sondern sich anzupassen. Und das ist der größte Fehler, den ich sehe wenn andere Erwachsene mit TeenagerInnen arbeiten. Es ist wichtig, dass wir KlientInnen an dem Punkt abholen, wo sie gerade sind. Manchmal ist es sehr schwer das herauszufinden, weil TeenagerInnen bspw. Schüchtern sind, Angst haben oder nicht reden. Meine Supervisorin bei der Arbeit war eine Psychiaterin und sie hat irgendwann ihre Praxis renovieren müssen. In der neuen Praxis stellte sie ein großes Aquarium ins Wartezimmer. Viele Kinder, die zu ihr kamen schauten sich im Wartezimmer das Aquarium genau an. Und das half ihnen auch dabei, sich zu entspannen und während der Sitzungen zu öffnen. Es gab immer das interessante Aquarium im Wartezimmer um ein Gespräch zu eröffnen! Sie beharrt bis heute darauf, dass sie das absichtlich gemacht hat und lacht dabei wie verrückt. Jedenfalls können solche Aktivitäten dabei helfen, die Anspannung wegzunehmen und eine Beziehung mit den Kindern oder TeenagerInnen aufzubauen, die beruhigend wirkt und nicht so kalt-klinisch wie man es in einer Klinik vielleicht erwarten würde. Wir haben auch manchmal schnelle Spiele gespielt wie Uno, Vier gewinnt oder Arschloch (nur ab einem gewissen Alter!). Bei einer Klientin habe ich auch Musik auf YouTube laufen lassen nachdem ich erfahren habe, welche Musikrichtung sie mag. Nach zwei Songs in der Schleife, hat sie auch auf die nächsten Songs geklickt und so konnten wir eine persönliche Beziehung aufbauen. Ein Klient, den ich nur online gesehen habe, war öfters etwas hibbelig und drehte sich auf seinem Stuhl hin und her. Ich habe ihm angeboten, dass wir vor jedem Gespräch beide einige Runden auf unseren Stühlen drehen. Er fand das wahnsinnig lustig, aber es hat funktioniert. All das sind Beispiele dafür, dass wir Menschen – ganz gleich des Alters – mit Respekt und Empathie entgegenkommen sollten. Die beste Beziehung, die wir zu Kindern aufbauen können, ist, wenn wir authentisch, aktiv und respektvoll mit ihnen umgehen.