Bindungstheorie
Bindungstheorie nach John Bowlby
Content Warnung: Trauma, Elterntod, Drogensucht
Es ist nicht einfach, mit jungen KlientInnen Empathie und Vertrauen aufzubauen, besonders nicht wenn sie ein Bindungstrauma erlebt haben. Wie die Arbeit mit einem derartigen Klientin aussehen kann, möchte ich euch heute anhand von Tom zeigen. Tom hat sich an uns gewendet als er ungefähr 12 war. Er stand kurz davor, schon das zweite mal eine Klasse wiederholen zu müssen und seine Großmutter und seine Lehrerin haben darauf bestanden, dass er sich Hilfe sucht. Seit dem Tod seiner Mutter lebte er bei der Großmutter. Bevor ich jetzt aber weiter auf Tom eingehe, möchte ich auf eine Theorie eingehen von einem der einflussreichsten Psychologen, John Bowlby.
Laut Bowlby sind Betreuungsperson und Kind mit komplementären Verhaltenssystemen ausgestattet, die sich im Verlauf der evolutionären Entwicklung aufgrund ihres Überlebensvorteils für die Kinder herausgebildet haben: Das Bindungssystem und das Fürsorgesystem. Unter dem Bindungssystem versteht man, dass das Kind bei Stress, Gefahr oder bei einer Überbelastung die Nähe zur Bindungsperson sucht. Das Fürsorgesystem der Betreuungsperson aktiviert dann das entsprechende Fürsorge- und Schutzverhalten. Dass diese beiden Verhaltenssysteme gemeinsam funktionieren, ist für die Bewältigung belastender Situationen und für die interne Emotionsregulation des Kindes enorm wichtig. Die Verinnerlichung von diesen frühen Bindungserfahrungen schaffen Arbeitsmodelle, die in späteren Situationen als Handlungsgrundlage für die Ausrichtung des eigenen Verhaltens dienen. Sie sind somit quasi „Vorlagen“ für alle zukünftigen Bindungen. Laut Bowlby entwickeln Kinder je nach Qualität der Bindung nun einen von vier Bindungstypen. Eine sichere Bindung stärkt das Vertrauen des Kindes in einer hilfreichen Umwelt und fördert so das Sicherheitsgefühl. Den Kindern wird unwohl wenn die Eltern den Raum verlassen, aber sie beruhigen sich schnell wieder wenn die Bindungsperson wieder da ist. Für sie bedeutet die Betreuungsperson Sicherheit und sie verspüren Zuneigung gegenüber der Person. Kindern (und später den Erwachsenen) mit einer sicheren Bindung fällt es leicht, sich zu öffnen und anderen zu vertrauen. Sie fühlen sich mit Intimität wohl und schaffen es vergleichsweise schnell, nach einer Ablehnung oder dem Ende einer Beziehung, wieder zurechtzukommen – oft auch dadurch, dass sie sich an andere Personen wenden können für soziale Unterstützung. Unsicher-ambivalente Kinder sind auch gestresst wenn die Betreuungsperson den Raum verlässt, aber beruhigen sich auch nicht schnell wieder, sobald die Person wieder da ist. Sie sind ängstlich, anhänglich und zeigen oft Wut gegenüber ihren Eltern. Als Erwachsene haben sie Stimmungsschwankungen und sind angespannt in ihren Beziehungen. Sie haben Angst, verlassen zu werden und können schnell eifersüchtig werden. Typisch ist auch, dass sie ihre PartnerInnen kritisieren und kurz darauf wieder idealisieren. Sie wechseln schnell zwischen diesen beiden Verhalten. Auch typisch ist eine Art Unmut oder Vorsicht, sowohl was fremde Menschen oder Erfahrungen angeht oder auch die Nähe zu anderen. Der dritte Bindungstyp ist der unsicher-vermeidende Bindungstyp. Kinder mit diesem Bindungstypen suchen nicht nach Intimität. Sie sind nicht gestresst wenn die Betreuungsperson den Raum verlässt und sie behandeln die Betreuungsperson ähnlich wie einen Fremden. Unsicher-vermeidende Kinder sind oftmals diejenigen, die schon öfters verlassen wurden und daher gar nicht mehr aktiv nach einer Bindung suchen. Als Erwachsene werden sie als „emotional unerreichbar“ beschrieben. Sie öffnen sich nicht, wirken kalt und distanziert, haben Probleme mit Intimität und investieren wenig Emotion in soziale oder romantische Beziehungen. Und der letzte Bindungstyp ist der unsicher-desorganisierte Bindungstyp. Diese Kinder zeigen oft Wut und Aggressivität, werden gewalttätig gegenüber der Betreuungsperson oder anderen Kindern und zeigen andere Verhaltensstörungen. Diese Art der Bindungsstörung entsteht wenn die Eltern beispielsweise ein Verhalten zeigen, welches den Kindern Angst macht (häufig Gewalt). Als Erwachsene haben sie typischerweise Angst und versuchen daher, andere Menschen zu kontrollieren, sei es durch Manipulation, Bedrohung oder ähnliches.
Wenn ich diese Theorie mit noch jungen KlientInnen durchgegangen bin, habe ich mir als Hilfe Hermione, Ron, Harry und Voldemort als Veranschaulichungen genommen. Hermione ist sicher-gebunden, sie behält in Stress Situationen einen kühlen Kopf, vertraut in ihre Fähigkeiten, führt tiefe Beziehungen mit anderen und hat ihre Emotionen im Griff. Ron ist unsicher-ambivalent gebunden. Er ist regelmäßig ängstlich, verehrt unter anderem Harry und wird schnell eifersüchtig, besonders bemerkbar sobald er mit Hermione zusammen ist.Harry ist der unsicher-vermeidende Typ. Er sucht nicht nach Intimität und tut sich für gewöhnlich schwer damit, über seine Emotionen zu reden. Er fragt nicht nach Hilfe und möchte alles alleine lösen. Voldemort ist unsicher-desorganisiert. Er vertraut niemanden, manipuliert oder bedroht andere und zeigt durchweg ein zerstörerisches Verhalten. Also falls ihr euch diese Theorie besser merken wollt, hilft euch die Veranschaulichung vielleicht ja auch.
Kommen wir zurück zu Tom (kein Bezug zu Tom Riddle, aka Voldemort). Die ersten male als ich mit ihm sprach, waren äußerst schwierig. Mir schien es schnell klar, dass er eigentlich gar nicht da sein wollte und das sagte ich ihm auch so. „Wieso solltest du auch? Für dich bin ich nur ein weiterer langweiliger Erwachsener“ (Ich hätte mich zu dem Zeitpunkt nicht als erwachsen beschrieben, aber hier schien es mir hilfreich zu sein). Ich habe ihm versprochen, dass solange wir reden, ich es zumindest lustig für ihn gestalten würde. Er zeigte nicht direkt Zustimmung, aber zumindest schaute er mir kurz in die Augen ehe er den Blick sofort wieder abwendete. Ich wusste, dass er Angst hatte und ich wusste, dass er einsam war. Ich wusste auch, dass er fragil war und es eine Zeit dauern würde, bevor wir die „eigentliche psychologische Beratung“ beginnen können. Zuerst habe ich mir aber als Ziel gesetzt, einen Raum zu schaffen in dem wir uns beide sicher fühlen. Ich habe beinahe zwei Jahre regelmäßig mit Tom geredet. Aus Gründen der Anonymität möchte ich seine Vergangenheit nur in äußerster Kürze beschreiben. Seine Mutter war alleinerziehend und starb relativ früh an einer Überdosis, sie war nie wirklich für ihn da und hat ihn oft im Stich gelassen. Die Bindung zu seiner primären Bindungsperson war also von vornherein gestört. Das alleine wäre nach Bowlby schon ein ausreichender Grund für eine gestörte Bindung. Aber andere Personen können diese Rolle ersetzen und den Bindungstypen „überschreiben“ und reparieren, wodurch wir zu seiner Großmutter kommen. Seine Großmutter hatte durch die jahrelange Drogensucht ihrer Tochter viele Probleme, die sie lösen musste und was ihr letzten Endes nicht gelang. Auch wenn ich nie persönlich mit ihr gesprochen habe, war die ganze Zeit bis einschließlich dem vorzeitigen Tod ihrer Tochter, mit Sicherheit nicht leicht und ich möchte mir nicht ausmalen wie sie sich währenddessen gefühlt haben muss. Tom ist daraufhin zu seiner Großmutter gezogen, hat die Schule gewechselt, Schlafprobleme und eine Depression entwickelt. Alles in allem ein mehr als chaotisches Leben. Ohne eine sichere Beziehung zu Tom, hätte ich ihm bei nichts von dem helfen können. Was ich für Tom schaffen wollte, war ein Rahmen in dem er sich frei entwickeln und ein kohärentes Selbst entwickeln kann. Tom steckte in der Pubertät und typisch für diese Phase ist eine Individuation. Man versucht sich abzugrenzen, strebt nach Eigenständigkeit, wirkt oft trotzig (vor allem gegenüber den Eltern) und versucht, eine eigene Identität aufzubauen. Für das psychologische Wachstum und den Heilungsprozess halte ich Verbindung und zwischenmenschliche Abhängigkeit für hilfreicher, auch in dieser Zeit. Das Selbst entwickelt sich im Kontext von Beziehungen und eine ganzheitliche Identität entsteht nur in Verbindung mit anderen. In unseren Gesprächen habe ich Tom meine komplette Aufmerksamkeit gegeben, etwas, was er vorher nie bekommen hat. Das hat er unter anderem damit bestätigt als er sagte „Sie sind der einzige Erwachsene, den ich kenne.“ Was ich ihm also zur Verfügung stellen konnte war ein Erwachsener im Raum. Ein regulierter, entwickelter, neugieriger, aufmerksamer, vergebener Erwachsener. Die Arbeit mit Tom war dadurch geprägt, dass ich mir klar machen musste, zwei Rollen zu haben. Ich war nicht nur ein Erwachsener mit einem authentischen Selbst, ich war auch der Stellvertreter für alle anderen Erwachsenen, die Tom gekannt oder gebraucht hat. Ich habe mit ihm über Zuneigung gesprochen, Liebe, Beziehungen, wie man Probleme löst, wie wir Erwachsene unsere Emotionen in den Griff bekommen, wie wir leben usw. Wenn jemand schon so früh ein derartiges Trauma erlebt hat, dann kann ich ihm dieses Trauma nicht wegnehmen. Was ich aber stattdessen geben kann, sind Erfahrungen, die er deswegen nie hat machen dürfen. Tom hatte nie wirklich Zeit gehabt, einfach ein Kind zu sein. Vernachlässigung und Trauma stören nicht nur bei der Entwicklung einer sicheren Bindung, sie stören auch bei der Entwicklung von Explorations- und Spielverhalten. Dass ich die Zeit mit Tom also lustig gestalten wollte, hatte durchaus seinen Ziel und Zweck. Wir haben gepuzzelt, mit einem Ball geworfen (vor allem bei der Arbeit mit Jungs bevorzuge ich immer auch Aktivitäten, die ihr Herz zum Pumpen bringen), einige male mussten wir die Arbeit auch online machen und da haben wir auch Schach oder Billard gespielt. Alles Aktivitäten bei denen man Spaß haben kann und die verbinden. Und eine Sache, die besonders bei traumatisierten KlientInnen wie Tom wichtig ist, ist die schnelle Wiedergutmachung von Fehlern. Ich wollte nicht noch ein weiterer Mensch sein, der ihn enttäuscht. Ich wollte ihm stattdessen zeigen, dass selbst wenn man ein Fehler macht, man respektvoll sein und den Fehler eingestehen kann. Jeder, der mit anderen Menschen arbeitet, wird irgendwann mal Fehler machen und etwas „nicht sehen“ oder falsch deuten. Es ist schlichtweg unmöglich, einen Menschen in voller Gänze zu lesen und zu verstehen. Fehler entstehen also auch wenn man gut ausgebildet und aufmerksam ist. Ich wollte Tom aber weder noch weitere Wunden zufügen, noch unsere Beziehung in Gefahr bringen. Deswegen habe ich Fehler soweit es geht auch eingestanden, ihm die Sache erklärt und mich entschuldigt. Dabei spielt es keine Rolle ob das noch am gleichen Tag war oder erst Wochen später. Ihn als Gleichberechtigten zu sehen und zu behandeln, hat seiner Entwicklung und unserer Beziehung auf jeden Fall gut getan. Je länger Tom mit seinem Trauma und seiner Entwicklung alleine gelassen wäre, desto schwieriger wäre es später gewesen zu intervenieren. Es stand also viel auf dem Spiel und das Problem bei Kindern wie Tom ist auch, dass wir oft weniger hilfreich sind als wir hoffen. Die beste Möglichkeit, die ich gesehen habe, war eine tiefe Beziehung aufzubauen.
Welchen Einfluss hat die Bindungstheorie nun bei anderen Menschen? Als nächstes möchte ich euch eine Klientin vorstellen, die sich auf eine äußerst einprägsame Weise vorgestellt hat:
“Helfen Sie mir bitte, den anderen zu erklären, dass ich nicht verrückt bin!”
Die Klientin um die es hier geht (ich habe beim besten Wissen ihr Alter und ihren Namen vergessen, aber da ich die Namen hier ohnehin jedes Mal ändere, nennen wir sie mal Lea), hatte regelmäßig Kopf- und Bauchschmerzen, war oft in Konflikten mit anderen verwickelt, war impulsiv und zeigte diverse Formen von selbstverletzendem Verhalten. Sie war auch schon bei einem Psychologen, der ihr nach zwei Sitzungen sagte, dass sie ein “klassischer Borderline-Fall” war. Da ich in der Vergangenheit schon einige Erfahrungen mit Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung hatte, u.a. Mehrmals auch physisch angegriffen wurde und auch jetzt noch eine sichtbare Narbe am Brustkorb habe und dementsprechend natürlich auch eine belastende Situation für mich war, hat mich meine Supervisorin bei dieser Klientin äußerst aufmerksam betreut. Schon als ich mit dieser Arbeit angefangen habe, haben mich einige KollegInnen vor BorderlinerInnen gewarnt und mir gesagt, wie schwierig die Arbeit mit denen ist. Es gibt also nicht nur in der Allgemeinbevölkerung ein Stigma bezüglich Borderline, sondern auch in unserem Berufsfeld. Meine Supervisorin hat dem zum Glück vorzeitig entgegengewirkt und mir schon früh beigebracht, nicht auf derartige Stigmata zu hören. Lea hatte eine intensive Beziehung mit jedem Menschen, ihren Eltern, MitschülerInnen, in ihren Partnerschaften. Sie war impulsiv, hatte Wutausbrüche und ließ keine Situation aus, andere zu manipulieren. Auch in unseren Gesprächen versuchte sie oft, mich zu manipulieren. Wie sieht diese Manipulation aus? Genau in der Art wie sie sich vorgestellt hat: “Helfen Sie mir bitte, den anderen zu erklären, dass ich nicht verrückt bin!” Gleich mit dem ersten Satz werde ich in einen Konflikt hineingezogen, bin schon auf ihrer Seite und es ist eine persönliche Bitte, wie unter Freunden. Im Verlaufe unserer Gespräche (nur zur Klarstellung: Es war alles online und via mail, ich werde aber weiterhin das Wort “Gespräche” benutzen), kamen noch Sätze hinzu wie “Ich dachte, Sie seien anders als die anderen”, “Interessiert es Sie wirklich wie es mir geht? Dann beweisen Sie es!”, “Wieso sind Sie plötzlich gegen mich?”. Alle diese Sätze sind alles andere als untypisch für jemanden mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung. Sie verlangte auch eine besondere Behandlung, ständige Erreichbarkeit und allerlei Gefälligkeiten, nur um dann im nächsten Moment wieder mit Verachtung, verbalen Angriffen oder gar Bedrohungen zu antworten. Borderline KlientInnen zeigen ebenfalls diese extremen Stimmungsschwankungen wie wir es von dem unsicher-ambivalenten Bindungstypen beispielsweise kennen. Und auch sie haben Angst, verlassen zu werden und “testen” daher die andere Person. Ich habe mich ständig in Situationen wiedergefunden, in denen ich mich erst sehr gut gefühlt habe, nur um dann im nächsten Moment wie das elendste Häufchen Elend zu fühlen, es war eine “Ich hasse dich, bitte verlasse mich nicht”-Art von Beziehung. Viele TherapeutInnen, PsychologInnen und PsychiaterInnen wollen daher nicht mit Borderline-Klienten arbeiten, weil es anstrengend, frustrierend und voller emotionalem Missbrauch ist. Es ist äußerst komplex und manchmal auch gefährlich, daher wollen sie die KlientInnen schnell loswerden. Ich habe auch von TherapeutInnen gehört, die sich so schlecht und untauglich gefühlt haben, dass sie ihrer eigenen Unsicherheit freien Lauf gelassen haben und die KlientInnen verbal angegriffen haben. Für mich ein weiterer Hinweis von fehlender Supervision und Erfahrung, und auch ein weiterer Grund wieso ich dem Stigma entgegenwirken und meine Erfahrungen mit Borderline Klienten mit euch teilen möchte. Aber da ich jetzt abschweife, vielleicht ganz generell noch zu Borderline: Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung befinden sich auf der Grenze (daher englisch: border) zwischen psychotisch und neurotisch, sie leben also auf der Grenze zwischen Schizophrenie und einer “normalen” Funktionsweise. Manchmal wirken sie gesund und manchmal wirken sie psychotisch. Weitere Symptome sind emotionale Instabilität, ein chronisches Gefühl von Leere, ein wiederkehrendes Muster von Instabilität in Beziehungen, Identitätsstörungen, Impulsivität, selbstverletzendem Verhalten (von “Ritzen” bis hin zu riskantem Sexualverhalten, Suizidversuchen, Drogenmissbrauch), Idealisierung und Entwertung von Menschen und sie geben sich Mühe, nicht verlassen zu werden (Das ist es auch, worauf ich mich meistens fokussiere. BorderlinerInnen haben eine tiefgehende Furcht davor, verlassen zu werden und interpretieren jegliche Art von Distanz als ein Verlassenwerden wodurch sie sich schrecklich, einsam und leer fühlen und daher stark emotional reagieren).
So, Bindungstheorie. Was die Forschung gezeigt hat, ist, dass Bindungstraumata eine große Rolle spielen bei der Entstehung einer Borderline Persönlichkeitsstörung. Zugegeben: Es ist schon eine extreme Ausprägung, aber wenn wir uns den unsicher-ambivalenten Bindungstypen (Ihr wisst schon, der Ron von weiter oben) anschauen, dann können wir definitiv einige Ähnlichkeiten erkennen, die eventuell dazu beigetragen haben. Unsere frühen Kindheitsbindungen stellen die Vorlagen her für alle zukünftigen Bindungen und haben einen Einfluss darauf, wie wur uns durch die Welt navigieren. Ein Erwachsener mit einem Bindungstrauma kann unbewusst ein Verhaltensmuster zeigen um ein unerfülltes Bedürfnis aus der Kindheit zu befriedigen. Das Trauma sorgt aber dafür, dass ihre Idee davon was “funktioniert” und was nicht, oft anders ist. Ein Beispiel: Sie könnten gelernt haben, dass Selbstaufopferung, people-pleasing oder die eigenen Emotionen runterschlucken dazu führt, dass sie mehr Liebe oder eben weniger Schmerz erfahren. Als Erwachsene führt das oft dazu, dass sie ihre Bedürfnisse nicht kommunizieren können. Oder sie haben als Kinder gelernt, dass um gesehen zu werden, ihre Emotionen jedes mal eine 10 auf der Intensitätsskala sein muss. Als Folge haben sie nie gelernt, was in ihrem Körper vorgeht und wie sie sich selbst regulieren können. Diese frühen Bindungen werden oft sehr stark, weil wir sie immer wieder erleben und sie sich verfestigen während wir uns entwickeln. Und diese Bindungen führen dazu, dass wir uns selbst betrügen um Liebe in Form von Aufmerksamkeit zu erhalten. Behalten wir uns das im Hinterkopf und kommen nun endlich zu Lea. Sie hatte regelmäßig Kopf- und Bauchschmerzen. Ihre Eltern glaubten, dass sie dies nur vortäuschen würde um nicht zur Schule gehen zu müssen. Irgendwann waren ihre Schmerzen so stark, dass sie während der Schule umgefallen ist. Für ihre Eltern war das nur ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Statt ihr zu helfen, haben sie ihr gesagt, dass sie sich “wieder einkriegen soll”. Irgendwann fing sie an sich selber zu schneiden wenn die Schmerzen unerträglich wurden. Lea sagte, dass das schon immer so in ihrer Familie war. Sie musste ihre Gefühle verstecken, da das Zeigen ihrer Gefühle nur zu mehr verbalen Attacken und Schmerz geführt hat. Sie hat ihre Emotionen runtergeschluckt. Und wenn es zu viel wurde, bekam sie Schmerzen und wurde gereizt. Ich habe ihr versichert, dass sie sich ihre Symptome nicht einbildet und ihr erklärt, dass unser Körper bei hohem Stress Stresshormone ausschüttet, die auch den Verdauungstrakt beeinflussen und eine Erklärung für ihre Bauch- und Kopfschmerzen sein könnten. Ich habe ihr verschiedene Methoden gezeigt mit denen sie sich beruhigen kann. Anstatt sich selbst zu schneiden um den Schmerz zu reduzieren, hat sie angefangen, einen Eiswürfel in die Hand zu nehmen und fest zuzudrücken. Es war kalt, es tat weh, aber es reichte aus um den Schmerz zu reduzieren, ohne sich selbst zu verletzen. Für den emotionalen Schmerz habe ich sie gebeten, sich nicht darauf zu konzentrieren wie sich ihr Körper anfühlt, sondern wie sie wünscht, wie er sich anfühlen sollte. Sie sagte, dass sich ihr Körper nicht mehr so trocken und hart anfühlen sollte. Als müsste alles in ihrem Körper durchgespült werden um ständig in Bewegung sein, aber dennoch ruhig.
Unser emotionale Teil des Gehirns kennt unsere Sprache nicht, er kommuniziert nicht mit Worten. Also helfen bei sowas viel besser visuelle oder auditive Reize. Nach einem hin- und her, haben wir uns darauf geeinigt, dass Regen das beste Symbol dafür ist, wie sich ihr Körper anfühlen soll. Ein ruhiges Durchspülen und Einweichen. Sie stellte sich vor, wie der Regen prasselt, wie es sich anhört, wie es sich anfühlt, wie es riecht, wie es aussieht, wie er die Verspannungen löst, ihren Körper beruhigt und ihr authentisches Selbst offenbart. Sie hörte fortan auch regelmäßig “rainy mood”, also Regenplätschern über ihre Kopfhörer und es beruhigte sie zutiefst. Als sie sich dafür bedanken wollte wie sehr ihr diese Übung in den folgenden Wochen geholfen hat, hatte ich Sorge, dass sie mich idealisieren würde und ich musste sie beinahe schon dazu überreden, sich selbst zu danken. Sie war es, die die Übung gemacht und sich letzten Endes beruhigt hat. Aber das war für sie schwierig, weil sie nie gelernt hat wie das geht. Ihre Familie hätte sich nie bei ihr bedankt, wieso sollte sie das also tun? Als nächstes haben wir uns ihrer Borderline-Diagnose gewidmet. Eine Borderline Diagnose ist eigentlich dazu da, damit KlinikerInnen eine geeignete Behandlung aussuchen können, aber leider führt sie auch oft dazu, dass man die Ursachen des Leides außer Acht lässt. Für ihren Psychologen waren ihre Kopf- und Magenschmerzen nur ein Teil ihrer Persönlichkeitsstörung, die sie vortäuschen würde um ihre Familie und LehrerInnen zu manipulieren. Der Psychologe habe ihr gedroht, sie einzuweisen wenn sie mit dem Vortäuschen nicht aufhören würde. Es deutet vieles darauf hin, dass er sie schnell loshaben wollte. Eine Persönlichkeitsstörung nach nur zwei Sitzungen zu diagnostizieren, ist auch alles andere als ethisch vertretbar. Es dauert MONATE, manchmal Jahre bis man eine Persönlichkeitsstörung diagnostizieren kann. Und dann diagnostiziert er auch noch eine derart stigmatisierte? Wir sprachen über den Zusammenhang zwischen ihren Kopf- und Bauchschmerzen, ihrem selbstverletzendem Verhalten, ihrer Angst davor, verlassen zu werden, ihrer Impulsivität und wieso sie das Gefühl hat, nicht gehört zu werden. Ich habe ihr erklärt, dass sie genau das tut, was wir alle machen wenn wir uns bedroht und nicht sicher fühlen. Wir sind im Überlebensmodus, voller Stresshormone, die in uns wüten und Chaos anrichten. Zusätzlich werden wir hypersensitiv für Gefahren, also auch wenn uns jemand verletzen, verlassen oder ablehnen will. Wenn ihr euch noch an den Trauma Text von oben erinnert über die biologischen Grundlagen von Trauma, genau das sah man hier. Und wenn unser Gehirn lernt, dass wir mehr Aufmerksamkeit bekommen wenn wir krank sind und Beschwerden haben, dann können wir uns auch so fühlen wenn wir uns einsam, missverstanden oder verlassen fühlen. Leas Körper versuchte lediglich, ihre emotionalen Bedürfnisse auf eine Art und Weise zu befriedigen, die in ihrer Vergangenheit funktioniert hat.
Ein großer Faktor beim Heilungsprozess nach einem Bindungstrauma ist eine einflussreiche, gesunde Beziehung. Selbst eine einzige positive Beziehung kann ein Leuchtfeuer entzünden, welches Hoffnung und Stabilität ausstrahlt. Für viele kann dies auch ein platonischer Freund oder eine Freundin sein. Jemand, der der betroffenen Person immer und immer wieder zeigt, dass sie in Sicherheit ist und geliebt wird, ganz gleich was sie macht. Lea hat bis zu diesem Zeitpunkt nie eine derartige Person gehabt und das zeigte sich auch in ihrem Verhalten. Unsere Gespräche bestanden also aus zwei wesentlichen Punkten: Zum einen habe ich mein bestes versucht, damit sie sich verstanden, sicher und unterstützt gefühlt hat. Das sind die Sachen, die sie selber auch noch lernen musste. Der andere Punkt ist etwas, was wir Gedächtnis-Rekonsolidierung nennen. Dabei sind haben wir uns mehrere Situationen in ihrem Leben genau angeschaut und versucht, diese Erfahrungen emotional in einer sicheren Art und Weise zu verarbeiten. Die Idee dahinter war, schon bereits angelernte negative Gedanken und Gefühle zu überschreiben. Also zum Beispiel den Gedanken, dass sie als Kind überreagiert hat, anhänglich war oder zu viel benötigt hat. Ihre Eltern fehlte einfach das Wissen und die Feinfühligkeit um sich angemessen um Lea zu kümmern und ihr beizubringen wie sie sich selbst und ihren Körper regulieren kann. Deswegen fühlte sie sich nicht sicher und hatte die Stimmungsschwankungen. Sobald sie das in den Griff bekam, wurde sie auch viel glücklicher, ruhiger und hatte auch weniger Bauch- und Kopfschmerzen.