Die Arbeit mit Jungs und die Arbeit mit Mädchen

Bevor ich anfange, möchte ich darauf hinweisen, dass ich im folgenden Eintrag über Jungs und Mädchen schreibe. Dass ich mich hierbei nur auf zwei Geschlechter beziehe und intersexuelle, Transmenschen usw. nicht erwähne, liegt einzig daran, dass ich mit Jungs und Mädchen wesentlich mehr gearbeitet habe. Ich beschreibe auch Probleme, die ich häufiger bei Jungs oder Mädchen sehe. Es wäre aber ein fundamentaler Fehler davon auszugehen, dass sich die Probleme auf nur ein Geschlecht beziehen.

Ich wusste bis vorhin nicht, worüber ich diese Woche schreiben möchte und zufälligerweise haben wir zum Frühstück eine Folge South Park geschaut, in der Teenager (bewusst männlich) vorgekommen sind. Folgentitel war „my teenager hates me“ aus der neuen Staffel, nur falls es wen interessiert. Und sie haben mich alle an einen Klienten von mir erinnert, den ich euch vorstellen möchte. Sein Name war nicht Kenny, aber im folgenden werde ich ihn so nennen. Die meisten Personen, die zu uns kamen, haben es auf freiwilliger Basis getan und aktiv nach Hilfe gesucht. Manchmal kam es aber auch vor, dass Eltern, Lehrer, Rektoren oder andere Erwachsene die Teenager dazu gebracht haben. Genau so war es auch mit Kenny. Kenny hatte Probleme in der Schule, konnte sich nicht konzentrieren, war oft in Schlägereien verwickelt, war aggressiv, konnte sich oft nicht beherrschen, hatte Probleme mit Authoritätspersonen und lief Gefahr, von der Schule zu fliegen. Aufgrund des Drucks von seinem Rektor, kam er zu uns. Zu genau möchte ich auf Kennys Geschichte nicht eingehen. Die Geschichte vieler Jungs, die zu uns kamen, waren von Missbrauch, Vernachlässigung und Konflikt geprägt. Und oftmals haben sie psychologische Beratung als eine Form der Bestrafung angesehen, statt einem möglichen Ausweg. Und natürlich herrscht dann ein gewisser Widerstand. Ich bat ihn, mir mehr darüber zu erzählen wie es war, als sein Vater ihn angeschrien hat oder was es benötige, damit er sich wohlfühle und sich öffne. Seine Antworten waren kurz und viel weniger detailreich als ich es von den anderen TeenagerInnen gewohnt war, mit denen ich bis dahin gearbeitet habe. Kenny hatte ein chaotisches Leben, voller Konflikte und Gewalt, ihm drohte der Schulrausschmiss und er saß einfach nur vor seiner Kamera und zeigte nicht das geringste Gefühl für Dringlichkeit, seine Probleme in den Griff zu kriegen.

Ich war unentschlossen, ob ich mit ihm weiterarbeiten möchte oder nicht. Schließlich schien es ihm egal zu sein und er gab sich keine Mühe, aber meine Supervisorin bestand glücklicherweise darauf, dass ich es weiterhin versuche. Vielleicht war mein Ansatz ja auch falsch, vielleicht war er zu sehr geprägt von meiner vorherigen Arbeit mit Personen, die eben nach Hilfe gesucht haben. Personen, denen Mut, Hoffnung, Enthusiasmus und das Vertrauen in ihr Potential fehlte. Und da kam mir ein Gedanke. Ich habe bei Kenny zu viel Aufmerksamkeit auf seine wenigen Worte gelegt und versucht, denen irgendwie einen positiven Spin zu geben, statt das wohl offensichtlichste „Symptom“ anzugehen – seine Kommunikationsschwierigkeiten bei praktisch allem. All seine Antworten schienen entweder wütend, mürrisch oder abweisend. Je mehr ich über ihn nachdachte, desto klarer wurde mir, dass er nicht in der Lage war, kohärent auf wichtige Lebenssituationen zu antworten, weil er nicht beschreiben konnte was er fühlt, welche Erfahrungen für ihn wie wichtig waren oder auch was er sich erhofft zu erreichen. Alles wichtige Bausteine für eine Therapie. Wovon er aber mehr als ausreichend viel hatte, waren diese typischen, kraftvollen Aussagen und Phrasen. „Ich bin sauer/angefressen.“, „lass mich in Ruhe“, „es ist scheiße“ oder „das interessiert mich nicht“. Die hatte er ständig zur Hand und benutze sie auch dementsprechend oft. So oft, dass sein ganzes emotionales Innenleben flach wirkte, als hätte er sämtliche Individualität verloren. Wenn ich also mit Kenny weiter hätte arbeiten wollen, dann bräuchten wir mehr und bessere Wörter und wir müssen daran arbeiten, dass diese Worte auch jederzeit griffbereit sind und die sonst üblichen Phrasen ergänzen.

Ich habe meinen eigentlichen Ansatz also komplett über den Haufen geworfen und mich stattdessen genau darauf konzentriert. Wenn ich es schaffe, dass Kenny sich mit mir wohlfühlt, wird es sich vielleicht auch besser dabei fühlen, „meine Kommunikation“ zu akzeptieren. Und was ich gemacht habe, ist, dass ich mich weniger auf die Gespräche vorbereitet habe. Kein klares Ziel, keine Themen, keine Angaben. Wir haben einfach über die Dinge gesprochen, die im Gespräch aufkamen: Fußball, Mädchen, Musik, Sport. Ich habe unsere Zeit genutzt, einfach nur mit ihm zu quatschen, habe seine Sprache angenommen, wir haben uns über Dinge lustig gemacht und ich habe weniger einleitende Fragen gestellt. Und während wir über alles mögliche sprachen, ist mir bewusst geworden, wie frustrierend es sein muss wenn man durch seinen Wortschatz eingeschränkt ist. Wenn man sein Innenleben nur durch Worte wie geil, gut, awesome (das war noch die Zeit als How I Met Your Mother bei allen beliebt war), scheiße oder beschissen beschreiben kann, dann werden die Emotionen nur intensiviert. Die Emotionen werden als Extrem wahrgenommen und haben eine polarisierende Wirkung. Das ist zumindest die Erfahrung, die ich gemacht habe und als ich mich an meine eigene Pubertät zurückerinnert habe, sehr vertraut vorkam.

Ich habe in den Gesprächen mit ihm mein Vokabular auch in dieses „schwarz-weiß“-Schema angepasst und ihn Dinge gefragt wie „Schlägst du ihn nun zusammen oder lässt du es sein?“ als er mir von einer Auseinandersetzung mit einem anderen Schüler erzählte. Ich habe auch angefangen, ein besseres Verständnis für ihn zu haben. Auch in seinem Kopf haben diese vielen Kämpfe nicht viel Sinn ergeben. Es war wie eine Ladung aus Bildern, Worten und Emotionen, die man gemeinsam in die Waschmaschine steckte und die nun wirr umherschwirren. Sein Kopf war einfach zu durcheinandergewirbelt um seinen Erfahrungen einen emotionalen oder kognitiven Sinn zu geben und die Verwirrung, die daraufhin folgte, sorgte für eine Unfähigkeit, konstruktive Lösungen für die kleinsten Probleme zu finden. Kenny kannte mehr Synonyme für Wut als für irgend eine andere Emotion. Also haben wir unsere Arbeit darauf konzentriert, seinen Wortschatz zu vergrößern um komplexere Emotionen wie Schuld, Reue oder Scham zu beschreiben. Das funktionierte am besten wenn ich unsere Interaktion geführt habe und ihm mehr Möglichkeiten gab. Als wir beispielsweise über Butters sprachen (Name zu einem weiteren South Park Charakter geändert), sagte ich zu ihm etwas wie „Aber du musst schon zugeben, als Butters dich verpetzt hat, warst du zwar wütend, aber du hast es auch bereut. Du hast so gewirkt als würdest du es rückgängig machen wollen.“

Mit der Zeit wurde Kennys Kommunikationsvermögen besser und er konnte seine Emotionen nach und nach besser beschreiben und benennen. Unsere Gespräche wurden auch zielorientierter, weil wir vermehrt über Ursache-Wirkungs-Beziehungen in seinem Leben sprachen. „Wenn du willst, dass dein Trainer dich in die Startaufstellung stellt, dann muss er sehen, dass du bereit bist. Wie kannst du es ihm zeigen?“ „Ich weiß, dass du später mal einen guten Job haben willst. Lass uns also herausfinden, mit welchen Schritten wir das schaffen können!“. Gerade wenn man mit pubertierenden Jungs arbeitet, hilft es oft, mit ihnen einen Plan auszuarbeiten, wie sie ein Ziel erreichen können, welches für sie wichtig sind. Diese Ziele sind schon die ganze Zeit in ihren Köpfen, aber sie müssen diese erst in Worte fassen um sie erreichen zu können. Dass wir Jungs nicht nur erlauben, sondern auch beibringen sollen, auch andere Emotionen als Wut zeigen und ausdrücken zu können, ist absolut notwendig!

Wie sieht das nun bei Mädchen aus? Gerade weil Mädchen vergleichsweise viel Verurteilung erfahren, befürchten Teenagerinnen, dass man sie negativ sieht oder unterschätzt oder auch einfach nicht ernst nimmt. In meiner Arbeit hatte ich meistens eine ausgesprochen gute Beziehung mit meinen jungen Klientinnen. Ich war neugierig darüber, was sie zu sagen hatten und häufig waren sie auch klarsichtiger als viele Erwachsene. Das kommunizieren zu können, ist für mich eines der wichtigsten Elemente für eine gute Beziehung gewesen. Wenn man sie aber (auch nur im Geringsten) mit den Stereotypen abweist, die sie ihr ganzes Leben lang erleben, dann kriegen die das sehr schnell mit und man kann sich die Arbeit sparen.

Eine Klientin, nennen wir sie Julia, hatte viel Redebedarf und kurz nach der Begrüßung hörte ich schon alle möglichen Details aus ihrem Leben. Ich fing an ein Soziogramm zu zeichnen als ich ihr zuhörte. Ein Soziogramm ist eine Art Schemazeichnung, bei der man die Klientin ins Zentrum stellt und jegliche Personen im Leben der Klientin und die Art der Beziehung schematisch darstellt. Ich zeichnete also die Personen und verschiedene Pfeile ein, die ihre Beziehungen widerspiegeln sollen. Für gewöhnlich sind diese Zeichnungen übersichtlich, bei ihr sah meine Zeichnung aber aus wie eine Spinne, die Halozinogene eingenommen hat. Als ich sie fragte, ob das Bild eine akkurate Darstellung ihres Lebens ist, musste sie lachen und hat einige Beziehungen nochmal besonders betont eingezeichnet. Ihr Leben war nicht besonders chaotisch, aber Mädchen tendieren dazu, wesentlich offener und ausführlicher über ihre Emotionen, Beziehungen und Probleme zu reden als Jungs es tun. Gerade beim Text zur Arbeit mit Jungs habe ich einen Klienten beschrieben, der nicht die Fähigkeit besaß, über seine Gefühle und Emotionen zu sprechen. Mädchen haben in der Regel ein besseres Vokabular und Verständnis, um ihre Emotionen ausdrücken zu können und das hörte man auch bei Julia heraus. In unseren ersten Minuten musste ich kaum ein Wort sagen, Julia hat ihr ganzes Gepäck offengelegt wie bei der Taschenkontrolle am Flughafen. Die Arbeit mit Mädchen war oft im wesentlichen nichts anderes: Das metaphorische Öffnen von Koffern, manche die schon lange verschlossen sind, manche die vollgepackt sind, manche die aus allen Nähten reißen und manche die offenstehen. Und beim Öffnen fühlte ich mich oft wie ein Archäologe, überall waren sichtbare Dinge und jedes davon muss akribisch untersucht werden, weil es eventuell wichtig sein könnte.

Man könnte jetzt schlussfolgern, dass es leichter wäre, Mädchen zu therapieren, weil sie ermutigt werden, ihre Emotionen zu zeigen und darüber zu reden, während Jungs nur Wut haben, die sie zeigen dürfen. Auch wenn diese Übergeneralisierung zum Teil berechtigt ist, wird man in der Praxis oft Ausnahmen finden und mit überaus sensitiven Jungs oder gefühlskalten Mädchen arbeiten. Die grundlegenden Probleme, die bei Jungs und Mädchen auftauchen, sind aber oft sehr ähnlich. Sie sehnen sich nach Leidenschaft im Leben, sie suchen nach authentischen und robusten Beziehungen mit mitfühlenden Erwachsenen. Und wenn man ehrlich ist, authentisch, empathisch und Interesse am Leben von Teenagern hat, dann hilft es denen ungemein, ganz gleich vom Geschlecht. Deswegen ist es absolut notwendig, Sicherheit und Stabilität in der Beziehung aufzubauen. Julia fühlte sich zwar schnell sicher, aber erst durch mein Interesse und dem ständigen Nachfragen und Aufschreiben und den Zeichnungen, wurde diese Sicherheit auch stabil. Was sie sagte, kam auch an und das brachte sie regelmäßig zum Lächeln. Junge Frauen, die eine Therapie machen, haben oftmals nicht viel Erfahrung mit echten Erwachsenen gemacht und es ist für sie oft Neuland. Für die Stabilität der Sicherheit ist es notwendig, auch konsistent im Verhalten zu sein.

Von Julia wusste ich zum Beispiel, dass sie gerne Musik hört und auch selbst Schlagzeug spielt. Wir haben uns darüber ausgetauscht, wie Frauen oft nur als „Stimme“ in einer Band sind und die meisten einfach davon ausgehen, dass Frauen in einer Band kein Instrument spielen. Also habe ich ihr versprochen, zum nächsten Treffen eine Playlist mitzunehmen und ihr einige weibliche Instrumentalistinnen zu zeigen. Dass ich dieses Versprechen auch eingehalten habe, kam für Julia überraschend. Ähnlich wie bei vielen anderen Frauen, hat Julia in ihrem Leben wenig Berechenbarkeit, sowohl intern als auch extern. Ein eingehaltenes Versprechen gab ihr schnell das Zeichen, dass sie wichtig für mich war, auch wenn sie nicht gerade vor mir saß. Und es unterscheidet mich auch von vielen anderen Erwachsenen in ihrem Leben, die mit sich selbst beschäftigt oder vergesslich sind und entweder keine Versprechen geben, oder sie nicht einhalten. Für die Beziehung bedeutet das natürlich auch Vertrauen und Sicherheit. Ein weiterer wichtiger Aspekt, den ich auch schon bei den Jungs erwähnt habe, ist, Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen. Gerade Mädchen erleben es nicht häufig, dass ein Erwachsener sich für einen Fehler entschuldigt, und ganz besonders männliche Erwachsene tun dies selten. Zugeben, dass man einen Fehler gemacht hat, zeigt nicht nur gegenseitigen Respekt, sondern zeigt auch, dass man im gleichen Team spielt. Es baut Empathie auf und gibt ihnen auch die Möglichkeit, uns zu verzeihen. Das hört sich vielleicht nicht nach viel an, aber es kann so viel therapeutische Arbeit leisten. Mädchen sind oft sehr hart zu sich selbst, auch wenn sie mir für einen Fehler vergeben haben, haben sie oft Schwierigkeiten, sich selbst zu vergeben und da kann ich sie immer daran erinnern, dass sie mir auch vergeben hat, als ich den Fehler gemacht habe und die Situationen miteinander vergleichen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich die Betonung des Präsent seins. Gerade weil Mädchen häufig nicht ernstgenommen werden, können viele Tipps und Ratschläge einen fiesen Beigeschmack bekommen. Jeder Erwachsene in Julias Leben tat so, als ob er/sie es besser wüsste und sagte ihr, was sie zu tun hat. Ihr schnelle Lösungsvorschläge zu geben, kann daher oft als eine Art Power Move oder Mansplaining interpretiert werden. Wären ihre Probleme so leicht zu lösen, dann hätte Julia es mit Sicherheit schon getan. Deswegen ist es wichtig geduldig zu sein und anstatt sich auf das „offensichtliche“ Problem zu konzentrieren, vielleicht mal zu hinterfragen was dem Ganzen zu Grunde liegt. Bei einem Treffen war Julia ungewöhnlich still, sie malte stattdessen mehr. Auch wenn ich das Gefühl hatte, nachfragen zu müssen, was denn los sei, habe ich sie einfach weitermalen lassen und fing ebenfalls an, etwas zu zeichnen. Nach einigen weiteren Treffen hat sie gesagt, dass diese Sitzungen die einzige Zeit ist bei denen sie sie selbst sein kann, ohne Verpflichtungen und Aufgaben. Für sie war es wichtig, dass jemand da ist. Eine Therapie ist nicht nur eine Aneinanderreihung von Problemen und Lösungen, sondern sie lebt auch von solch kleinen Momenten. Manchmal ist einfach da zu sein besser als große Interventionsmaßnahmen durchzugehen. Der Genesungsprozess findet auch statt, wenn man scheinbar nichts macht.

Das worauf ich mich also am meisten konzentriere, wenn ich mit Mädchen arbeite, ist, dass ich geduldig, authentisch, empathisch, kreativ und präsent bin. Ich helfe ihnen dabei, ihre eigenen Koffer auszupacken. Aber in dem Tempo und in dem Maße, das für sie am sichersten ist.